The Art of the 20th Century

Galerie Francesca Pia

Tony Morgan und Daniel Spoerri, Beefsteak, 1968, Standbild

Seit den 1960er Jahren lotet Olivier Mosset beharrlich die Möglichkeiten der Malerei als Medium des Konzeptuellen und der nicht-gestischen Abstraktion aus. Mit dieser von ihm kuratierten Ausstellung hatte sich der in der Schweiz geborene und in Tucson, Arizona lebende Mosset vorgenommen, die katastrophischen und katalytischen Auswirkungen von Film und Video auf die Malerei zu veranschaulichen – auch wenn Gemälde gerade nicht Teil der Beweisführung waren. Stattdessen wurde die Ausstellung durch zwei von Mossets eigenen, nicht-malerischen Arbeiten gerahmt. Sie begann mit der Fotografie Chute d’eau, sur le moulin, Chexbres (Der Wasserfall, über der Mühle, Chexbres, 2009), die eben jenen Wasserfall in der Nähe von Lausanne zeigt, der auch in Marcel Duchamps Étant donnés: 1° la chute d‘eau / 2° le gaz d’éclairage (Gegeben sei: 1. Der Wasserfall / 2. Das Leuchtgas, 1946-66) zu finden ist und von hier noch weiter zurückverweist auf Gustave Courbets L’Origine du monde (Der Ursprung der Welt, 1866). Und sie endete mehr als ein Jahrhundert überspringend mit Mossets Last Run At Montriond 14 (Letzte Runde in Montriond 14, 2006), der als letzter von insgesamt vier Filmen in der Ausstellung präsentiert wurde. Dokumentiert wird darin das Aufheulen des Motors eines Dragster Rennwagens im ehemaligen Ausstellungsraum von Circuit im Lausanner Stadtteil Montriond, bevor der Wagen mit durchdrehenden Reifen schließlich schwarze Gummispuren auf dem Boden hinterlässt.

Mossets kuratorisches Unterfangen bestand darin, die Kunst des letzten Jahrhunderts in fünf Arbeiten zu fassen (wobei auch die anderen drei Künstler einen Hintergrund in oder eine Verbindung zur französischen Schweiz haben). Genauso gut hätte er allerdings behaupten können, eine Geschichte der westlichen Welt zu schreiben, wenngleich reduziert auf die Themen Auto, Konsumkultur, Öl und Spektakel.

Im mittleren Teil der Ausstellung sah man Sylvie Fleury in ihrem Video Carwash (Waschanlage, 1995) eine Reihe von Autos waschen und damit die Mythen parodieren, die sich um dicke, amerikanische Straßenkreuzer ranken – angesichts ihres unentwegten kosmetischen Zinnobers verlor dieses Symbol eines souveränen, auf Öl und Industrie gebauten Staates seinen Glanz. Als nächstes schloss eine Dokumentation von Ben Vautiers „Actions de Rue“ (Ben – Actions de Rue 1960-1972, Ben – Straßenaktionen 1960-1972) an, eine Serie von Schwarz-Weiß-Clips, die mit einem rückblickenden Kommentar des Künstlers versehen waren: wunderbar rudimentäre wie effektive Aktionen, die das städtische Leben in Nizza störten; Gesten wie jene, sich mitten auf eine Promenade zu setzen, um zu „warten, dass die Zeit vergeht“ (Attendre que le temps passe, Warten, dass die Zeit vergeht, 1966). Vautiers Kommentar aus dem Off verortet diese Aktionen im Kontext seiner Kollegen aus der Fluxusbewegung und inspirierender Figuren wie John Cage und George Brecht. Die letzte Arbeit war Tony Morgans Film Beefsteak (1968), der auf einer Idee von Daniel Spoerri basiert. Die Geschichte eines Steaks wird hier von hinten aufgezäumt: das Filmmaterial läuft rückwärts, von der menschlichen Scheiße zurück zum Verzehr, zum Kochen und zum Schlachten und schließlich zur Wiederauf­erstehung des Tiers – bis auch dieses das Unvermeidbare tut und sich entleert.

Alle Versuche, eine übergreifende Idee zu finden, zu der jeder Teil dieses Ausstellungspuzzles in Beziehung gesetzt werden könnte, waren vergeblich; immer gab es mindestens eine Arbeit, die sich aus jedem sauber geschnürten Themenpaket herauswinden konnte. Im Geiste Duchamps hatte Mosset willkürliche Momente gebündelt, um am Ende mehr als die Summe ihrer Teile zu erhalten. Es war eine unorthodoxe, disparate und listige Reduktion des 20. Jahrhunderts, in der Mosset, die französische Schweiz und die Technik unter Beweis stellten, dass sie, wie man auch im Französischen sagt, der Nabel der Welt sind.
Translated by Daniel Pies

Aoife Rosenmeyer ist Kunstkritikerin und Kuratorin. Sie lebt in Zürich.

Ausgabe 1

First published in Ausgabe 1

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