Banu Cennetoğlu

Bonner Kunstverein, Bonn, Deutschland

Banu Cennetoğlu, Libary of spirits part I - Romania, 2013-2014, 115 non-comercially producted spirits, decanted into 100 ml glass bottles, shelving dimension variable

Banu Cennetoğlu
Libary of spirits part I - Romania
2013-2014
115 non-comercially
producted spirits decanted into
100 ml glass bottles, shelving
dimension variable,
photo: Simon Vogel, 2015

Banu Cennetoğlus Einzelausstellung im  Bonner Kunstverein beginnt vor der Tür:  Die Lampen auf dem Vorplatz leuchten in den Farben rot, gelb und grün. A Problematic Triad: Yellow Red Green (2015) heißt diese Außenarbeit, und „problematisch“ ist die Farbtriade deshalb, weil sie für die kurdische Kultur ein identitätsstiftendes Symbol ist.  In der Türkei, Cennetoğlus Heimat, werden die Farben der Kurden, ihre Bräuche und  die Sprache unterdrückt. Erst kürzlich  war auch Bonn in die Schlagzeilen geraten,  weil die Drogeriekette dm ihre geplante Spendenaktion für die Kurdische Gemeinschaft Rhein-Sieg/Bonn e.V nach einer  Hetzkampagne rassistisch gesinnter türkischer Bürger kurzerhand absagte. Pas- santen werden die neue Außenbeleuchtung hier also nicht nur mit Ampellichtern  und Rastafari-Bewegung assoziieren.

Cennetoğlu ist seit 2006 Betreiberin von BAS, was übersetzt soviel heißt wie „Druck!“, ein Projektraum in Istanbul,  der Künstlerbücher produziert, sammelt und verkauft. Spätestens seitdem sie 2009 den türkischen Pavillon auf der Venedig Biennale bespielte, ist sie auch international für ihr Interesse an Information und deren Sammlung, Archivierung und Verbreitung bekannt. Dass sie in Bonn den Eingang zur Ausstellung (die auch den Programmauf- takt der neuen Direktorin Michelle Cotton bildet) mit zwei Kalenderblättern von Hanne Darboven flankiert – Cennetoğlu hat sie  aus der Artothek des Kunstvereins ausgeliehen – passt also: My Temporary Darboven (2015) integriert nicht nur die institutions-eigene Sammlung, sondern nimmt auch Bezug auf eine Konzeptkünstlerin, die ebenfalls den Strom täglicher Ereignisse festhielt und deren Werk parallel um die Ecke in  der Bundeskunsthalle zu sehen ist. Während Darboven gegen die Zeit anschrieb, archiviert Cennetoğlu Geschriebenes. 

Für ihre jüngste Arbeit, 11.08.2015 (2015), sammelte sie nahezu alle Tageszeitungen, die am 11. August 2015 in Deutschland herausgegeben wurden. Alphabetisch geordnet liegen die rund 1000 Exemplare nun  in 70 schmalen Bänden zusammengefasst  auf einem langen Tisch. Schon mehrfach hat  die Künstlerin dieses Prinzip angewendet, beispielsweise in England oder der Türkei (dort waren es 2010 insgesamt lediglich  209 Zeitungen, die an einem einzigen Tag gedruckt wurden). Auf den ersten Blick  ist außer Masse nicht viel zu sehen. Beim Blättern wirft die so nicht gewohnte Parallelität jedoch Fragen auf: Was hat Nachrichtenwert? Welches Medium vertritt welche Ideologie und wie wird sie vermittelt?  Man muss nur noch einmal einen Blick in die  Türkei werfen, um zu verstehen, dass die  hier ebenfalls ausgestellte Pressefreiheit eine Errungenschaft ist, die es zu verteidigen  gilt. Die Brisanz der Arbeit entfaltet sich vor allem im Zusammenspiel mit den anderen Werken im weiteren Abschreiten der Ausstellung. Sowieso scheint dank der reichen Bezüge untereinander alles mit allem  verzahnt, was der Schau zunehmenden Drive verleiht.

An der Decke hängen 23 goldfarbene, mit Helium gefüllte Buchstaben-Luftballons, die den Schriftzug der gleichnamigen  Arbeit ICHWEISSZWARABERDENNOCH (2015) bilden. Es handelt sich um ein Zitat des französischen Psychoanalytikers und Ethnologen Octave Mannoni (1899 –1989), der das Zusammenspiel von Psy­chologie und Kolonialismus erforschte.  „Je sais bien, mais quand même“, wie es im  Original heißt, bezeichnet den Glauben  an etwas, das im Widerspruch zur Erfahrung steht – die Struktur der Verleugnung, zum Ausdruck gebracht in einem kurzen Halbsatz. Der Bezug zu den vielen Meter geballter Flüchtlings- und Griechenlandkrise, die  den Raum auf den Titelseiten der Zeitungen wie eine Mauer durchkreuzen, ist offen-sichtlich. Wer kennt ihn nicht, den Impuls etwas tun zu müssen gegen das Unrecht  dieser Welt? Am Ende führt das Bewusstsein dennoch nicht zur Aktion und der anfäng-liche Enthusiasmus nimmt ab wie die Höhe der Ballons, die sich während der Eröffnung noch tapfer in der Luft hielten und im  Verlauf der Ausstellung immer weiter sinken.

Auch die Videoarbeit What is it that  you are worried about? (2013), die im Kubus in der Raummitte zu sehen ist, kreist um  das Thema (Aber-)Glauben. 2013 war die Künstlerin von der Project Biennale for  Contemporary Art D-0 ARK Underground  in Bosnien und Herzegowina zur Teilnahme eingeladen worden. Ihr Beitrag beschäf- tigte sich mit dem historisch aufgeladenen  Ausstellungsort der Biennale, einem riesigen Bunker in Konjic, einer Kleinstadt unweit von Sarajevo. Josip Broz Tito, ehemaliger Präsident Jugoslawiens, hatte ihn errichtet, um im Falle eines Atomkriegs mit seiner Frau und der politischen Elite dort unter-zukommen. Statt die ohnehin schon  sagenumwobene Geschichte des Gebäudes  nachzuerzählen (Tito benötigte knapp  30 Jahre für die Fertigstellung und bis zum Ende des Balkankrieges will keiner etwas von dem Milliardenprojekt bemerkt haben), unterzog Cennetoğlu den Bunker in Zusammenarbeit mit der Heilerin Zeynep Sevil Güven einer „holografischen Energiereinigung“.  35 Minuten lang dauert die Behandlung,  in der Özcan mit der Ernsthaftigkeit einer Nachrichtensprecherin den seelischen Zustand des Kriegsrelikts beschreibt und dessen bevorstehende Zukunft als Museum spirituell einleitet. Auch hier prallen noch einmal Gegensätze aufeinander, wenn die im Film verwendete Magie auf das vermeint-lich seriöse Wissen der Zeitungen trifft und man sich bezüglich der geläufigen Zuschreibenden von wahr und erfunden plötzlich  verunsichert fühlt. 

Cennetoğlu macht die Relativität  und Veränderbarkeit von Wissen erfahrbar.  Sie zeigt nicht nur, was Gesellschaften als seriöses, anerkanntes Wissen erachten und veranschaulicht damit deren Selbstverständnis. Sie beschwört auch die Möglichkeiten  des Einzelnen und der (Kunst-)Institutionen, an dessen Konstitution teilzuhaben. Zum Schluss hält sie uns im wahrsten Wortsinn den Spiegel vor. What is it that you are  worried about? (gemeinsam mit Yasemin Özcan, 2013) lautet die Inschrift auf  dem ovalen Glas an der Wand zum Ausgang.  Und während ich gedankenverloren an  meinem Weinglas nippe, wütet in Paris bereits der Terror.

Elodie Evers ist seit 2009 Kuratorin an der Kunsthalle Düsseldorf. Sie kuratierte u.a. Ausstellungen mit Chris Martin, Matt Connors, Hans-Peter Feldmann, Joao Maria Gusmao und Pedro Paiva, Kirsten Pieroth, Henrik Olesen und Katja Eydel. Evers ist Autorin zahlreicher Katalogessays und Redakteurin des Interview-Magazins mono.kultur.

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