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Off the Clock

In diese Serie bittet frieze d/e KünstlerInnen, über logistische Anstrengungen hinter ihren Werken zu sprechen. Bettina Pousttchi erklärt, warum sie einmal um die Welt reist, um Uhren zu fotografieren

Das Projekt der World Time Clock (seit 2008) verfolgt den Gedanken einer fotografischen Weltzeituhr. Dafür reise ich in unterschiedliche Zeitzonen und fotografiere an jedem Ort jeweils eine öffentliche Uhr, immer um fünf vor zwei. Diese Uhrzeit ist nicht symbolisch gemeint; es ist jedoch wichtig, dass es immer die gleiche Uhrzeit ist, denn die gesamte Fotoserie soll am Ende eine Art von globaler Gleichzeitigkeit suggerieren. Anstatt die entsprechenden Zeitzonen zu berücksichtigen, werden diese sozusagen aufgelöst.

Das System der Zeitzonen stammt aus dem Jahr 1884. Damals wurde auf der internationalen Meridiankonferenz in Washington der Nullpunkt in Greenwich in London festgesetzt. Dort ist vor der kleinen Sternwarte tatsächlich dieser Meridian auf dem Boden eingezeichnet. Begrüßt wird man mit den Worten „Willkommen im Zentrum von Raum und Zeit“.

Angefangen habe ich dieses Projekt ebenfalls in London, als ich im Jahr 2008 im Rahmen eines Aufenthaltsstipendiums eine Weile dort lebte. Am Anfang war das Ganze als ein langfristiges und eher beiläufig betriebenes „Lebensprojekt“ konzipiert – ich wollte einfach jedes Mal, wenn ich mich sowieso schon in einer bestimmten Zeitzone aufhalte, eine öffentliche Uhr fotografieren. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich die Idee aktiv verfolgen muss, sonst ist das Projekt zum Scheitern verurteilt. Ich komme einfach nicht zufällig nach Alaska oder nach Sibirien. Aus einem nebenher mitlaufenden Projekt wurde so ein groß angelegtes Reiseprojekt mit erheblichem zeitlichem und finanziellem Aufwand. Nach einer Weile erwarb ich sogar ein Round-the-world-Ticket, mit dem man einmal um die Welt fliegen und dabei fast beliebig oft anhalten kann; man darf aber nur in eine Richtung reisen und nur einmal den Atlantik sowie den Pazifik überqueren. Ich bin also einmal um die Welt gereist, in genau 27-dreiviertel Tagen. Das ist exakt so lange, wie der Mond braucht, um einmal um die Erde zu kreisen – eine Periode, auf der viele Kalendersysteme basieren. Ich war insgesamt an acht Orten und blieb immer nur etwa 48 Stunden. Auf dieser Reise habe ich all die Orte abgeklappert, an die ich so schnell wahrscheinlich nicht komme: Anchorage in Alaska, Honolulu auf Hawaii, Auckland in Neuseeland oder Sydney, Australien.

Diese Reise war eine ziemlich extreme Erfahrung, gerade auch aufgrund der sehr kurzen Aufenthalte, die nur ein Ziel hatten: eine öffentliche Uhr zu fotografieren. Ich habe zwar vorher über diese Uhren recherchiert, aber vor Ort sieht alles oft ganz anders aus. Erst einmal musste ich die jeweilige Uhr im Stadtraum finden. Die Informationen, die ich habe, sind nicht immer korrekt und manchmal sind die Uhren in der Zwischenzeit auch kaputtgegangen oder verschwunden. In Los Angeles war beispielsweise ein Zeiger abgebrochen und in Bangkok waren fast alle Uhren stehengeblieben. Manchmal war das Zifferblatt auch von einem Gerüst verdeckt oder von dichten Bäumen. In manchen Städten gibt es auffällig viele öffent­liche Uhren –Vancouver und Sydney sind totale Uhrenstädte. Anderswo, in Kathmandu in Nepal beispielsweise, gibt es fast keine. Dort konnte ich gerade einmal eine Uhr finden, die noch funktionierte. In Delhi werden die Uhren nach und nach entfernt, nachdem man sie lange hat verwahrlosen lassen. Öffentliche Uhren sind im Verschwinden begriffen. Sie sind ein Relikt des analogen Zeitalters und irgendwie auch des Kolonialismus. Viele Uhren rund um die Welt sind kleine Kopien des Big Ben in London – je stärker die Anbindung an Großbritannien war, desto deut­licher ist dieser Zusammenhang.Insgesamt gibt es 24 ganzstündige Zeitzonen und darüberhinaus noch einige Länder, die sich aus diesem System der vollen Stunden ausge­klinkt haben. Indien, Afghanistan und Iran haben beispielsweise eine halbstündige Verschiebung zum Null­meridian. Bislang war ich unter anderem in London, Shanghai, New York, Istanbul, Mexico City, Moskau, Anchorage, Honolulu, Auckland, Sydney, Seoul, Kathmandu, Delhi, Almaty und Taschkent. Die letzten vier habe ich zusammen auf der letzten Reise zum Jahreswechsel 2012/13 besucht. In den ehemaligen Sowjetrepubliken Kasachstan und Usbekistan war es sehr schwierig, überhaupt im öffentlichen Raum zu fotografieren. In Almaty, Kasachstan, wurde mir beispielsweise schnell suggeriert, dass ich damit aufhören soll. Glücklicherweise hatte ich meine Fotos da bereits gemacht.

Schwierigkeiten macht oft auch der Verkehr, oder, wie in Shanghai, ein Unwetter. Ich habe immer nur ein kurzes Zeitfenster: Innerhalb von zwei Tagen gibt es zweimal die Möglichkeit, eine Uhr um fünf vor zwei mittags zu fotografieren. Pro Aufnahme habe ich etwa 3 Minuten Zeit, je nach Winkel kann ich schon um 13:54 anfangen oder bis 13:56 fotografieren. Da die Uhren am Ende stark dekontextualisiert dargestellt werden, sieht man den Bildern den Aufwand einer Weltreise nicht sofort an. Diese vielen Reisen der letzten Jahre haben mich oft an meine Grenzen gebracht und sie haben dabei meine Wahrnehmung von Zeit und Raum grundlegend verändert. Ich hoffe in der Präsentation der gesamten fertiggestellten Weltzeituhr wird etwas davon erfahrbar.
Aufgezeichnet von Dominikus Müller

Bettina Pousttchi lebt und arbeitet in Berlin. Ihre Fotoinstallation Echo war 2009–10 an der Fassade der Temporären Kunsthalle Berlin zu sehen. Letzte Einzelausstellungen u. a. in der Schirn Kunsthalle Frankfurt (2012) und der Kunsthalle Basel (2011). Teile der Serie World Time Clock werden ab dem 26. April in der Buchmann Galerie in Berlin gezeigt.

Ausgabe 9

First published in Ausgabe 9

April - Mai 2013
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