Go with the Flow

50 Jahre Fluxus in Wiesbaden: Wie der Sammler Michael Berger mit Toiletten und Ramsch die Anti-Kunst-Philosophie der Bewegung musealisiert

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Klorollen im Klooseum, Wiesbaden-Erbenheim, 2012

Klorollen im Klooseum, Wiesbaden-Erbenheim, 2012

Auf dem Armaturenbrett von Michael Bergers Auto hocken sich ein Plastikfrosch und ein Plastik­buddha regungslos gegenüber. Wer weiß, wie lange sie sich schon anstarren. Immerhin haben sie ein wenig mehr Abwechslung als Nam June Paiks TV-Buddha von 1974, der auf einem Fernsehbildschirm sein eigenes Abbild kontemplierte. Bis in alle technisch machbare Ewigkeit.

Paik schaute in den 1970er Jahren oft bei Berger vorbei, und auch andere Protagonisten des Fluxus, wie George Maciunas, kamen häufig nach Wiesbaden, seitdem dort 1962 die Fluxus Interna­tionalen Festspiele Neuester Musik stattgefunden hatten – sie erweiterten die Bewegung von New York nach Europa und brachten deutsche Mitglieder wie Joseph Beuys und Wolf Vostell mit hinein. Berger unterstützte damals eine Reihe von Fluxus-Künstlern als Mäzen und Sammler, neben Paik unter anderem Macunias und Joe Jones. Heute gehört der ehemalige Unternehmer einer kleiner werdenden Generation professioneller Sonderlinge und zentristischer Exzentriker an; Typen, die das Abwegige lieben und ihre Schrullen offen kultivieren, aber zugleich liberalkonservative Werte vertreten. Berger ist einer, der es problemlos schafft, Business-Sprache biblisch klingen zu lassen: „‚Im Anfang war das Wort‘ ist Schwachsinn. Im Anfang war die Tat. Wir brauchen keine Besserwisser, sondern Bessermacher.“ Doch statt der Krawatte eines Unternehmers trägt er ein Plastikohr am Kragen und bezeichnet sich selbst als „Spinner“.

Der 71-Jährige stoppt das Auto in Wiesbaden-Erbenheim, wo er gleich zwei Museen betreibt. Nein, es handelt sich dabei nicht um die üblichen Symbolkapital-Tempel, für deren Inhalt Peter Sloterdijk den schönen Begriff „Sonntagsgesicht der Gier“ geprägt hat. Hier wäre, mit Verlaub, „Arschgesicht“ die passendere Bezeichnung. Bergers von außen bunt angemaltes „Klooseum“, wahlweise „Museum of Modern Arsch“ genannt, ist eine bizarre Weihestätte des körperlichen und kulturellen Stoffwechsels. Hier geht es um die Zusammenhänge zwischen Exkrement und Sakrament, Schönheit und Scheiße, groß müssen und groß denken. Nichts Geringeres als die Enttabuisierung der Darmaktivität und ihre Aufwertung zur Existenzmetapher ist das Ziel der Sammlung. Künstler und Diktatoren bekommen dieselbe Behandlung: Unter den Exponaten befindet sich von Berger höchstpersönlich angefertigte Yves-Klein-Scheiße in blauem Plastik und Beuys-Kacke in braunem, des Weiteren Klobürsten, deren Köpfe Mao, Hitler und Stalin nachempfunden sind. Hinter fünf Schranktüren verbergen sich Anfass-Modelle von Leber, Magen, Herz, Lunge und Nieren – „the big five“, wie Berger sie nennt.

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Innenansicht Klooseum, Wiesbaden-Erbenheim, 2012

Innenansicht Klooseum, Wiesbaden-Erbenheim, 2012

Beim Rundgang denkt man unweigerlich an die Verwendung von Exkrementen in der Kunst: Jonathan Meeses Losung „Kunst ist Stoffwechsel“, Wim Delvoyes Fäkalienmaschine Cloaca (2000), Piero Manzonis Merda d‘artista (Künstlerscheiße, 1961) und Marcel Duchamp, der in seinem Urinal (Fountain) von 1917 die letzten Gewissheiten des Kunstsystems hinunterspülte. Hatten die konservativen Kulturkritiker also etwa doch recht, dass Avantgarde, nun ja, scheiße ist? Das würde Berger so natürlich nicht gelten lassen. Wer dem Kot nicht den Kotau erweise, der verkenne, dass der Stuhlgang ein epistemologisch wertvoller Akt ist: „Jeder shit ist eine Meditation. Er schafft Platz für Neues.“

Weiter geht es zum nahe gelegenen „Harlekinäum“, Museum Nummer zwei in Erbenheim. Wie das „Klooseum“ könnte man auch dieses blau gestrichene Haus als eine mög­liche logische Schlussfolgerung von Fluxus betrachten – ein Ort, an dem der bürgerliche Fetisch Kunst lustvoll negiert wird und wo alles mit allem zusammenfließt, Erhabenes mit Lächerlichem, Witz mit Erkenntnis, Esoterik mit Erotik, Schönheit mit Scheiße. Im Inneren hockt man auf sprechenden Toiletten, passiert einen Plastiktier-Zoo, wandert unter Bäumen mit buntem Pimmel-Obst, bestaunt unzählige Verwurstungen der Mona Lisa und delektiert sich an Plaketten mit Slogans wie „BMW – Bumms mal wieder“. Es handelt sich um Scherzartikel der Marke Harlekin, kombiniert zu einem kruschteligen Refugium für die Eigendynamik des Unbewussten und einem trotzigen Plädoyer für Sammlerselbst­entwürfe jenseits der Feigenblatt-Exzentrik von François Pinault & Co.

Mit dem Harlekin-Ramsch – unter anderem einem Klo-Gästebuch, das sich über 300.000 Mal verkaufte – haben Berger und seine Frau Ute seit 1969 ein Vermögen gemacht. Ihre Artikel erinnern entfernt an die Fluxkits, die Kunstwerke zu erschwing­lichen Multiples machten. Früh verlagerte Berger die Produktion nach Asien. Die so erzielten hohen Gewinnmargen schlugen sich direkt auf sein Mäzenatentum nieder. „So lief das schon immer“, brummt Berger und schenkt Tee ein – die Beutel zeigen Joseph Beuys und die Tassen tragen den Aufdruck „Fluxus-Stadt Wiesbaden“. Unternehmer erwirtschaften Überschüsse, Überschüsse fließen in Kunst und Kultur. Die Engels’sche Textilmanufaktur finanzierte indirekt Marx, Beuys fuhr Bentley und Fluxus ist nur ein „F“ entfernt von Luxus.

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Michael Berger im Harlekinäum, Wiesbaden-Erbenheim, 2012

Michael Berger im Harlekinäum, Wiesbaden-Erbenheim, 2012

Nun gestikuliert Berger wild, die Spitzen seines Schnurrbarts vibrieren. Das bedingungslose Grundeinkommen, das in Deutschland diskutiert wird: fatal! Doch was schlimmer sei: Mit dieser völlig fluxusfernen Idee toure heute der Beuys’sche „Omnibus für direkte Demokratie“ durch die Lande! „Ich habe diesen Bus 20 Jahre lang unterstützt – als ich von der Befürwortung des bedingungslosen Grundeinkommens erfuhr, habe ich aufgehört. Von einem toten Pferd muss man absteigen. Beuys sagte doch: ‚Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung‘ und ‚Arsch hoch, Aktivität!‘“

Berger sammelt nicht nur Fluxus-Kunst, Klobürsten, Särge aus Ghana und Harlekin-Klimbim – sogar Plastiktüten gehören in sein Repertoire. Ganze 60.000 Exemplare hat er in den letzten 40 Jahren angehäuft, in diesem Jahr hingen einige davon in der Ausstellung I love Aldi im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum an der Wand. Wer nun einwendet, zwischen der Liebe zu Plastiktüten und der Liebe zur hohen Kunst bestehe nun aber wirklich ein Widerspruch, der sollte genauer hinsehen. Es war kein Geringerer als der deutsche Maler Günter Fruhtrunk, und damit ein Vertreter der radikalen Abstraktion, der 1970 das Design der heutigen Aldi-Nord-Tragetaschen entwarf. Avantgarde to go, gewissermaßen. Genau dieses Hinüberschwappen der Kunst in die Banalitäten des Alltags interessiert den Fluxisten Berger. Für ihn und seine Frau Ute gilt: „Wir leben mit und in den Kunstwerken. Kunst ist Leben, Leben ist Kunst.“

Beim Jubiläums-Event Fluxus 50. 1962–2012 Fluxus in Wiesbaden hielt sich Berger allerdings auffällig zurück. Zum einen, weil die Wiesbadener Kulturinstitutionen alle ihr eigenes Süppchen kochten: „Da fehlte ein Kurator, da war keine Einheit und keine Vision der ‚Fair­änderung‘, zum Beispiel für die Jugend.“ Aber auch aus einem anderen Grund: „Es wurde eine gute Gelegenheit verpasst, die Fluxus-Frauen einmal in den Vordergrund zu rücken. Da gab es doch tolle Künstlerinnen, nicht nur Yoko Ono!“ Es gibt also noch viel zu tun im Fluxus. Berger wird diese Aufgabe jedoch der jüngeren Generation überlassen. In gewisser Hinsicht ist er bereits eine historische Figur, trotz seiner ungebrochenen Schaffenslust. Er ist ein Mann des analogen Zeitalters. Er benutzt keine E-Mail. Er chattet nicht, er twittert nicht. Er redet, er hört zu. Er schätzt das Direkte, Physische und Haptische, wie nicht zuletzt seine Sammlungen zeigen: fast nur Dreidimensionales, kaum Flachware. Abgesehen von den Tüten.

Jörg Scheller ist Kunsthistoriker, Journalist und Musiker. Er lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste. 

Ausgabe 7

First published in Ausgabe 7

Winter 2012

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