Heidrun Holzfeind

Badischer Kunstverein Karlsruhe

Heidrun Holzfeind, Esel (Miles), 2013, C-type print

Betrachtet man Heidrun Holzfeinds Arbeiten der letzten Jahre, erkennt man eine gewisse Beharrlichkeit bei der Durchleuchtung ihrer Themen. CORVIALE, il serpentone (2001), Za Zelazna Brama (Behind the Iron Gate) (2009), Colonnade Park (2011) – mit jedem dieser Projekte klopfte die österreichische Künstlerin Bauten der architektonischen Moderne auf die Erfüllung ihrer utopistischen Versprechen ab. Ihre Einzelausstellung im Badischen Kunstverein, eine Auseinandersetzung mit der berühmten Werkbundsiedlung Wien von 1932, darf getrost als eine vertiefende Fortführung dieser lockeren Serie verstanden werden.

Den Kern der Ausstellung forms in relation to life bildet das gleichnamige Video von 2014. In ruhigen, sachlichen Aufnahmen porträtiert Holzfeind die Siedlung. Wie meist in ihren dokumentarischen Videoarbeiten nimmt sie sich zurück, überlässt die Kommentare den Bewohnern der Siedlung, die von sich, damit aber auch von den Häusern erzählen, denen sie affirmativ bis ablehnend gegenüberstehen. Ein pensionierter Architekt referiert beispielsweise über die Vorzüge der Bauten und schimpft über Nachbarn, die den Bestand mit Alufenstern und Gartenzwergen verhunzen. In einem berührenden Moment aber rutscht er aus seiner professionellen Rolle und berichtet von den Schwierigkeiten, seine tote Frau durch das enge Treppenhaus zu tragen: „In der Werkbundsiedlung trägt man keinen Sarg herunter“. Andere Bewohner schimpfen über die Betreibergesellschaft, der es nicht gelingt, einen gangbaren Mittelweg zwischen Denkmalschutz und Bewohnbarkeit zu gewährleisten. Permanent adressiert Holzfeind dieses Spannungsverhältnis zwischen schützenswerter Architektur und den Bewohnerbedürfnissen, etwa wenn eine ältere Dame das Scheitern der elterlichen Ehe auf die Enge des Hoffmannhauses zurückführt. Eine weitere Frau berichtet, wie der geringe Stauraum ihres Adolf-Loos-Hauses sie zur Selbstbeschränkung zwingt – was sie allerdings als sehr befreiend emp­findet. Allmählich entsteht eine mehrschichtige Oral History der Werkbundsiedlung.

Das einstündige Video endet mit einem Porträt von Elfriede Mislik, die mit anderen Bewohnerinnen über Jahrzehnte Kostüme für Laien- und Kindertheater angefertigt hat. In der Schlusssequenz erobern Kinder aus der Werkbundsiedlung – mit Kostümen aus Misliks Archiv als Esel, Paradiesvögel, Hund, Eisbär oder Frosch verkleidet – unter Rassellärm die Siedlung. Holzfeinds realis­tische Darstellung kippt ins Fantastische. Die utopischen Hoffnungen des Neuen Bauens werden zugleich eingelöst und lustvoll subvertiert.

Dieses anarchische Moment, in dem die Werkbundsiedlung gewissermaßen karnevalisiert und auf eine Art zum Nebendar­steller wird, findet sich in der Ausstellung noch einmal als eigenständiges Video wieder (costume parade, 2014). Und auch alle weiteren Elemente der Schau – Installation, Fotografie und Skulptur – verweisen auf diese zentrale Passage: Die zwölf Fotografien der Serie animals (fashion book) (2013) porträtieren jeweils eines der kostümierten Kinder. Die von Mislik genähten Kostüme aus dem Film hängen auf einer Kleider­stange. Man weiß nicht recht: Sind sie nun endgültig abgelegt oder sollen sie wieder aktiviert werden? Stehen sie für ein funk­tionierendes Zusammenleben in der Siedlung oder als Relikte für deren Ende?

costume parade deutet an, dass Holzfeind ihre Auseinandersetzung mit den Wechselwirkungen von starren konzeptu­ellen Formen und weichen Lebenswirklichkeiten vom Kinde her entwickelt. Was durchaus Sinn macht, schließlich wurden Kinder in der Geschichte der Pädagogik gern als „formbares Material“ bezeichnet. Holzfeind lässt diese beiden Gegensätze vor allem in der Arbeit Hausbaukasten (2015), einer Skulpturengruppe aus Multiplexplatten, aufeinanderprallen: Zum einen werden mit diesen Platten rudimentäre Hausformen dargestellt, die wie die Gerrit-Rietveld-Wohnungen in der Werkbundsiedlung dem Quadrat huldigen. Gleichzeitig handelt es sich bei einem „Hausbaukasten“ aber um ein historisches Spielgerät aus den 1920er Jahren. Spätestens hier verwischt das Verhältnis von gebauter Form und formbarem Mensch endgültig und es wird klar, dass Holzfeind keine abschließende Antwort auf die Frage nach den Auswirkungen des modernen Bauens geben möchte. Stattdessen zeigt sie vor allem, wie undifferenziert und verkürzt die gängigen Erzählungen vom Gelingen oder Scheitern des Neuen Bauens sind.

Moritz Scheper is a writer and curator based in Essen, Germany, where he works as artistic director at Neuer Essener Kunstverein.

Ausgabe 21

First published in Ausgabe 21

August 2015

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