Ján Mančuška

Meyer Riegger Karlsruhe

Ján Mančuška, Postava (detail), 2011, Aluminium Buchstaben auf Stahldraht

Das Ausloten von Möglichkeiten, seine eigene Wahrnehmung für einen intersubjektiven Nachvollzug zu öffnen, ist immer ein Schwerpunkt in der Arbeit Ján Mančuškas gewesen. Dem Künstler ging es darum, seine Perspektive für den Rezipienten bereitzustellen – was auch bedeutete, dass Mančuška selbst in seinen Arbeiten häufig körperlich abwesend blieb, sozusagen Platz machte für den Rezipienten. Seitdem Mančuška 2011 an einer Autoimmunkrankheit verstarb, laufen diese funktionalen Leerstellen in seinen Arbeiten jedoch Gefahr, als Teil einer Verlustgeschichte fehlgedeutet zu werden. Postava (2011), die größte Arbeit dieser posthumen Einzelausstellung, illustriert diese Anfälligkeit eindrücklich: Drahtseile sind wie Notenlinien durch den Raum gespannt, vom Boden bis etwa auf Kopfhöhe. Auf den Seilen sind mit Aluminiumbuchstaben Worte wie „Head“, „Eye“, „Hand“ oder „Foot“ angebracht, jeweils an den entsprechenden Stellen eines imaginierten Körpers. Nicht nur die Ähnlichkeit zur Notenschrift, auch die rhythmische Anordnung der Worte und die Positionierung der begrifflichen Stellvertreter von Händen und Füßen legen eine Figur – so der Titel in Übersetzung – in Bewegung nahe. Ein Körper in Mančuškas Maßstab wird in Begrifflichkeiten aufgelöst und damit konserviert, immer bereit, als entpersonalisierte Figur neu assembliert zu werden. Leider werden viele nur die körperliche Auflösung sehen.

Diese zerlegte Figur spiegelt sich in The Big Mirror (2008), einem großfor­matigen Wandspiegel, wie er in Tanzstu­dios hängt. Der Besucher rückt über diesen simplen Eingriff selbst ins Bild und ist dadurch genötigt, sich mit seinem Körper zu dem Werk zu verhalten. Was nicht zuletzt dadurch verstärkt wird, dass man notgedrungen zwischen beiden Arbeiten steht, was eine an Joseph Kosuth erinnernde Matrix von Entität–Abbild–Begriff schafft.

Wie sehr es Mančuška um Nachvollzug geht, verdeutlicht auch die Installation From Wall to Wall (2005), die deutliche strukturelle Parallelen zu Postava aufweist. Sie besteht unter anderem aus einem an die Wand geworfenen statischen Videoloop, der eine Satzfolge aus Aluminiumbuchstaben an einem Drahtseil zeigt. Am rechten Rand des Bildkaders ist der Satz abgeschnitten, doch außerhalb der Projektion läuft er weiter, auf einem durch den Raum gespannten Drahtseil. Im Text wird das bewusste Durchschreiten eines Zimmers aus der Ich-Perspektive – das Stahlseil hängt auf Höhe der „Eye“-Linie von Postava – detailreich beschrieben. Der mediale Wechsel von reproduzierten zu im Raum präsenten Aluminiumbuchstaben mitten in der Satzfolge legt den Schluss nahe, der durchschrittene Raum des Textes könnte mit diesem identisch sein, was ähnlich wie bei The Big Mirror eine rein rezeptive Haltung zu Raum und Installation unmöglich macht. Auffällig an From Wall to Wall ist, dass Mančuška für die Buchstaben eine wesentlich dezentere Aluminiumlegierung gewählt hat als seine Galerie für Postava.

Im besten Sinne hintersinnig sind die sieben, auf den ersten Blick unscheinbaren Zeichnungen aus dem Werkkomplex The Other (I asked my wife to blacken all parts of my body I cannot see) (2007). Bei der ursprünglichen Aktion ließ sich Mančuška von seiner Frau sämtliche Körperstellen, die er nicht selbst sehen kann, schwarz anmalen. Dokumentierende Fotografien zeigen allerdings, dass das Ehepaar Mančuška sich später bei diesem intimen Wahrnehmungsexperiment vertreten ließ. Die hier zum ersten Mal gezeigten Kugelschreiberzeichnungen sind offensichtlich wiederum auf Vorlage der Fotografien entstanden und damit noch eine Mittelbarkeitsstufe von der Aktion entfernt. Allerdings verwischt der unprätentiöse Strich des Künstlers wieder, wer hier wen angemalt hat, womit einmal mehr die Übergänge von Vollzug und Nachvollzug, Außen- und Innensicht auf­gehoben scheinen. Beinahe beiläufig vertieft The Other auf raffinierte Art das Spiegel­-motiv, indem die Aktion zeigt, wie viel vom eigenen Körper schwarzer Fleck bleibt, nimmt man nicht über Hilfskonstruktionen wie Spiegel eine Außenperspektive ein.

Auch für das Gelingen der letzten in Karlsruhe gezeigten Arbeit, From A to B and Back Again (2008), ist der Spiegel zentral. Direkt vor einer Filmprojektion kleben fünf Wegmarken in gleichmäßigem Abstand aufgereiht auf dem Boden. Der Film zeigt eine Kamera, die innerhalb einer Parklandschaft langsam zurückfährt. Nach kurzer Zeit wird allerdings deutlich, dass mitnichten die Kamera zurückfährt, sondern jemand einen Spiegel von ihr wegträgt. Diese gegenläufige Bewegung hat einen destabilisierenden Effekt und wird zusätzlich gebrochen durch die Wegmarken, die spiegelverkehrt ebenfalls im Filmraum auftauchen. Beim Erreichen der fünften Marke wird der Spiegel abgestellt und Mančuška tritt hinter ihm hervor, verschwindet kurz aus dem Bild, nur um kurz darauf im Spiegel wieder aufzutauchen, wo er die Kamera ausschaltet. Dieser spielerische Grenzübertritt von der dritten in die erste Person ist eine dieser geistreich-witzigen Behauptungen personaler Transgression, wie sie im pathosarmen, leider abgeschlossenen Werk Mančuškas immer wieder auftauchen.

Moritz Scheper is a writer and curator based in Essen, Germany, where he works as artistic director at Neuer Essener Kunstverein.

Ausgabe 19

First published in Ausgabe 19

Mai 2015

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