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Lisl Ponger

Secession

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Lisl Ponger, En couleur, 2007, C-Print, 60 x 80 cm

Lisl Ponger, En couleur, 2007, C-Print, 60 x 80 cm

Dass Museen für Völkerkunde oder Ethnologie heute in der Krise stecken, zeigt sich schon darin, dass fast keines der je­weiligen Häuser heute noch so heißt. Zu stark erinnert „Völkerkunde“ an die dunklen Kapitel der letzten Jahrhunderte: an den Kolonialismus, den Nationalismus, an Rassenlehre und an Genozide. Das entsprechende Frankfurter Museum wurde daher bereits 2001 in „Weltkulturen Museum“ umbenannt, in Paris heißt es einfach nach seinem Standort: „Musée du quai Branly“. Und in Wien wurde es 2013 in „Weltmuseum Wien“ umgetauft.

Aber ändern eine reflektierte Haltung und die schlichte Umbenennung bereits etwas an den bedenklich gewordenen Sammlungen, an der Konstruktion eines „Anderen“ und an den bis heute beliebten Mechanismen des Exotischen? Doch eher nicht. In ihrer Ausstellung The Vanishing Middle Class spielt Lisl Ponger dieses Dilemma zahnloser Reflexion konsequent durch. Mit großem Aufwand baut sie in der Wiener Secession ein komplettes Völkerkundemuseum auf – samt der üblichen edel-bunten Wandfarben, der Vitrinen und Dioramen, Objektbe­schriftungen und Saaltexten, samt Mitar­beitertafel und einem „Foto Point“. Über dem verblassenden Schriftzug „Völkerkundemuseum“ am Eingangsportal prangt „Museum für fremde und vertraute Kulturen“. Der kleine Namensschwenk hin zu den „vertrauten Kulturen“ legt offen, worüber sich die mittlerweile übliche Bezeichnung als „Weltmuseum“ hinwegschwindelt: nämlich dass unter diesem Begriff meist gerade nicht die „Welt“, sondern –wie auch in der „Weltmusik“ – „alles außerhalb der modernen westlichen Kultur“ verstanden wird.

Munter geht es weiter mit den Verschiebungen: Gegen das klare Raster der Secession drehten die Ausstellungs­gestalter Toledo i Dertschei Pongers Raum-in-Raum-Museum um 45°. Auf der Außenwand des Museumseinbaus hinterließ ein fiktiver Sprayer den Schriftzug „Nieder mit dem NeoImperialismus“ – womit dann selbst die „Kritik der Straße“ inkor­poriert wird. Und schließlich hat sich Ponger für ihre Parodie einer ethnografischen Themenausstellung kein weit entferntes Volk ausgesucht: Unter dem Titel The Vanishing Middle Class wird in drei Räumen die historische Entwicklung des westlichen Mittelstandes präsentiert, also jenes aufstiegsorientierten Konsum- und Bildungsbürgertums, das auch das typische Publikum einer Kunstinstitution wie der Secession stellt.

Das dafür aufgebotene Anschau­ungsmaterial ist vielfältig und reicht von echten und gefälschten Markenartikeln über Caféhaus-Möblierungen bis hin zu Brett­spielen wie Monopoly. Das Verkleiden als Indianer während des Faschings wird in den Vitrinen ebenso thematisiert wie die modischen Tattoos junger Vertreter der Kreativwirtschaft. Vor allem aber umkreist Ponger die Welt der Finanzoasen sowie das aufstrebende China. Beide eignen sich hervorragend für die ironische Rekontex­tualisierung, an der ihr hier gelegen ist: Da sind einerseits solch exotische Destinationen wie Mauritius, die Cayman und Cook Islands, die sowohl Urlaubs- als auch Finanz­oasen sind – „Paradiese“ im buchstäblichen Sinne – , und andererseits das „fremde China“, in dem die hierzulande aussterbende Mittelschicht gerade im großen Stil neu entsteht. Von den Finanzoasen zeigt Ponger Briefmarken, von den Cayman Islands zusätzlich einen Sonnenuntergang und einen ausgestopften Kaiman, aus China sowohl die neuesten technischen Statussymbole wie Mobiltelefone als auch historisches Propagandamaterial.
Einfach deutbar sind die ausgestellten Dinge allerdings nicht. Pongers wunderkammerartiges Netzwerk aus überkreuzenden Anspielungen bildet eher ein Fundament der Melancholie als eines des politischen oder sozialen Engagements – ganz wie im Museum eben.

Im vierten und letzten Raum des Ausstellungsparcours schließlich präsentiert Ponger – als weitere Facette der Fiktion, ein heutiges „Weltmuseum“ zu rekonstruieren – unter dem Titel Lisl Ponger. Wild Places eine Reihe ihrer eigenen fotografischen Arbeiten aus den Jahren 2000 bis 2010 als kleine Sonderschau einer „zeitgenössischen Künstlerin“ im White-Cube-Ambiente. Die großformatigen Fotos zeigen verschiedene Re-Inszenierungen von kolonialen Topoi, so zum Beispiel die Figur des Indiana Jones vor seiner imaginären Sammlung von Ausgrabungsstücken (Indian(er) Jones IIDas Glasperlenspiel, 2010), eine Inderin bekleidet mit gerastertem Stoff und mit Meßlatte als Anspielung auf die Tradition der anthropologischen Körpervermessung (Measures in the Afternoon, 2000) oder eine Täto­wierszene, bei der neben den bereits durch­gestrichenen Wörtern „Missionary“, „Mercandary“, „Ethnologist“ und „Tourist“ nun „Artist“ auf einen Unterarm gestochen wird (Wild Places, 2001). Als Referenz an den Beginn des Welthandels und der damaligen Tulpenblase sind die Arrangements stilistisch an die Stillleben des holländischen Barocks angelehnt. Auch wenn diese „Sonderausstellung“ nur einen kleinen Einblick in das Schaffen Pongers ermöglicht, das neben den Fotografien auch Filme und Reportagen umfasst, so gelingt im Ganzen doch etwas anderes: Selten wurde die ein­stige Institutional Critique des Kunstbetriebs so welthaltig umgesetzt.

Ausgabe 14

First published in Ausgabe 14

Mai 2014
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