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Ming Wong

carlier | gebauer

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Ming Wong, Room Divider, 2014, PVC, 2.9 × 2.9 m

Ming Wong, Room Divider, 2014, PVC, 2.9 × 2.9 m

Der aus Singapur stammende und in Berlin arbeitende Künstler Ming Wong ist dafür bekannt, in immer neue Rollen zu schlüpfen. Er verkörpert Figuren aus dem populären Kino, verschneidet verschiedene filmische Stettings miteinander und widmet sich der Geschichtsschreibung des Films. Seine „impostors“ (Hochstapler), wie er seine Figuren nennt, bleiben in Geschlecht, ethnischer und sprachlicher Zugehörigkeit un­bestimmt und bedienen sich Elementen aus den Filmen von Rainer Werner Fassbinder, Roman Polanski, Douglas Sirk und Wong Kar-Wai, um nur einige zu nennen. Seine so entstehenden Produktionen schaffen auf subtile Weise Resonanzräume für die eigene Identifikation. 2010 begann Wong ein umfangreiches Rechercheprojekt zu Leben und Werk des in der Türkei umstrittenen transsexuellen Film- und Popstars Bülent Ersoy (eine in Deutschland, wo Ersoy immerhin eine Zeitlang gelebt und gearbeitet hat, so gut wie unbekannte Figur). Das Projekt kulminierte schließlich in Wongs Verkör­perung der „Bülent Wongsoy“, die im Zentrum seiner jüngsten Ausstellung bei carlier | gebauer in Berlin steht.

Um in Bülent Wongsoy: Biji Diva! zu gelangen, müssen die Besucher unter einem erleuchteten Regenbogen hindurch, Teil der Installation Maksim (2014). Auf der einen Seite dieser Installation zeigt eine deckenhohe Fototapete die bröckelnde Ruine des Maksim Gazinosu Theaters, das in den Jahren vor seinem Abriss 2012 als Parkgarage genutzt worden war. Früher war Bülent Ersoy in diesem Theater am Istanbuler Taksim-Platz häufig aufgetreten. Das groß­formatige Foto dient hier als Metapher für Ersoys drei Jahrzehnte dauernden Kampf um Anerkennung. Auf der anderen Seite ist ein Video mit Filmen von Ersoy zu sehen, sie fungieren gleichsam als eine Chronik der Verwandlung Ersoys vom Mann zur Frau.

In der Geschichte der türkischen Queer-Community nimmt Ersoy eine be­son­dere Rolle ein. Heute ist sie als „Filmdiva“ und Sängerin berühmt, doch unter dem Militärregime der 1980er Jahre – das Regime weigerte sich, die 1981 vorgenommene Geschlechtsumwandlung anzu­erkennen – hatte Ersoy Auftrittsverbot. Sie verbrachte daher längere Zeit in Deutschland, wo sie in dort produzierten türkischen Filmen mitspielte. Bevor man den Hauptraum der Ausstellung betritt, informiert ein Archiv­ordner mit Ausschnitten aus ver­schiedenen türkischen Zeitungen und Zeit­schriften über die schwierige Lebens­geschichte Ersoys.

Bülent Wongsoy trat zum ersten Mal 2011 beim Festival In Transit im Berliner Haus der Kulturen der Welt mit drei auf Türkisch vorgetragenen Songs zu Hoffnung, Freude und Verzweiflung auf. Während der Performance zeigte Wong ein Video, in dem er selbst dabei zu sehen war, wie er Episoden aus Ersoys Leben nachspielte. Die Aufnahmen waren in Istanbul entstanden, eine Szene mit seiner eigenen Mutter 2011 zusätzlich in Berlin-Kreuzberg. In der Ausstellung wird aus der Videodokumentation dieser Performance und den nachgestellten Szenen die zweikanalige Videoinstal­lation „Biji Diva!“ (Part 1) (2011), die zugleich eine intime Bühne für Wongs eigene Verwandlung bietet. Dafür steht beispielhaft Yuz Karası (2014), ein im Wind eines Ventilators flatterndes Haarteil aus abgespulten Kassettenbändern von Ersoy – die Kassetten selbst liegen darunter am Boden verstreut –, eine Anspielung an die Künstlergarderobe der Sängerin. Gegenüber sind in einer Raumecke zahlreiche Plattencover mit dem Bild Bülent Wongsoys – bei manchen mit genau diesem Haarteil – zu sehen. Sie sind den Covern von Ersoys Platten nachempfunden. In einem dunklen Raum, in dem die Besucher Aufnahmen von Wongs Unterricht in klassischer türkischer Musik hören können, wird die überzeugende Anverwandlung anschließend wieder gebrochen.

Auch wenn ein weiterer raumhoher, in Streifen geschnittener und den Hauptraum der Ausstellung wie ein Vorhang abtren­nender Druck (Room Divider, 2014), auf dem Wongsoy in Discokugel-BH und silberner Perücke zu sehen ist, dies nicht vermuten ließe – aber Biji Diva! feiert Ersoy nicht einfach nur als glamouröses Idol. Die Hommage, die Wongsoy seinem Vorbild erweist, findet ihren Ausdruck vor allem in der detaillierten Recherche und den zusammengetragenen Sammlerstücken. Sichtbar wird darin vor allem der schwierige Weg, den Ersoy ungeachtet der glitzernden Fassade zu gehen hatte.
Übersetzt von Michael Müller

Övül Durmuşoğlu ist freie Kuratorin und Autorin. Sie lebt und arbeitet in Berlin und Istanbul.

Ausgabe 15

First published in Ausgabe 15

Juni - August 2014
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