Reset Modernity!

ZKM, Karlsruhe

Armin Linke, Operating theatre, remotely controlled surgery, Modena, Italy 2006. Foto: Courtesy © Armin Linke. 

Armin Linke, Operating theatre, remotely controlled surgery, Modena, Italy 2006. Foto: Courtesy © Armin Linke

1995 machte der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour in seinem Buch Wir sind nie modern gewesen auf die Kluft zwischen dem Anspruch des modernen Menschen und seinen Möglichkeiten und Bedürfnissen aufmerksam. Diese Kluft, so Latour, sei es, die den Menschen an der Verwirklichung des modernen Projekts hindere. In der Ausstellung „reset MODERNITY!“ – dem Abschlussprojekt des groß angelegten Festivals „GLOBALE“, mit dem das ZKM den Effekten der Globalisierung nachging – drehen Latour und seine Mitkuratoren Martin Guinard-Terrin, Donato Ricci und Christophe Leclercq das Ganze ein Stück weiter: Der moderne Mensch sei ganz am Ende. Denn er weigert sich, in den Abgrund dieser Kluft zu blicken. „reset MODERNITY!“ – es ist also höchste Zeit, auf die Reset-Taste zu drücken und das System in seinen Anfangszustand zu bringen. 

Man muss sich diese Ausstellung richtiggehend erarbeiten. Dabei soll ein von Latour verfasstes, sogenanntes „Field Book“ helfen. „Die Moderne bot eine Möglichkeit“, ist dort gleich auf der ersten Seite zu lesen, „zwischen Vergangenheit und Zukunft, Nord und Süd, Fortschritt und Rückschritt sowie radikal und konservativ zu unterscheiden. Doch in einer Zeit tief greifender ökologischer Veränderungen, dreht sich dieser Kompass wild im Kreis.“ Keine Orientierung mehr – was aber macht man dann? Man fängt zum Beispiel an, darüber nachzudenken, ob es tatsächlich so sinnvoll war, in der Hoffnung auf Freiheit mit allen Traditionen zu brechen, wie die Moderne es verlangte. So suggeriert es zumindest der Film after (2012) von Pauline Julier, mit dem die Ausstellung eröffnet: Vor dem Bild eines brennenden Hauses wird über den Sinn der Weitergabe von Traditionen diskutiert. Dann weitet sich die Ausstellung in einer Wabenstruktur in alle Richtungen und fasst in insgesamt sechs Sektionen, den so genannten „Procedures“, verschiedene Themenkomplexe zusammen. So wird unter „Procedure A – Das Globale neu verorten“ der Film Power of Ten gezeigt, den Charles und Ray Eames 1977 drehten. Zu sehen ist eine Satellitenaufnahme, die immer näher an die Erde heranzoomt – damals eine Sensation, heute jedem Nutzer von Google Earth vertraut. Und trotzdem ist es eine Illusion zu glauben, der Mensch könne die Welt global erfassen. Er agiert immer nur lokal, behauptet diese Sektion, denn Wissen ist, wie man es mit Donna J. Haraway ausdrücken könnte, immer „situiert“.

Pierre Huyghe, Nymphéas Transplant (14-18), 2014.  © Foto: Ola Rindal. Courtesy of the artist, Esther Schipper, Berlin, Hauser and Wirth, London, Marian Goodman Gallery, New York. 

Pierre Huyghe, Nymphéas Transplant (14-18), 2014.  © Foto: Ola Rindal. Courtesy of the artist, Esther Schipper, Berlin, Hauser and Wirth, London, Marian Goodman Gallery, New York

Dann steht man plötzlich vor Albert Dürers Holzschnitt Der Zeichner des liegenden Weibes von 1525. Man ist mitten in der „Procedure B – Außerhalb oder Innerhalb der Welt“, die sich um das Subjekt-Objekt-Verhältnis kümmern möchte. Dürer glaubte, sein Objekt von außen betrachten zu können. In diesem Glauben wurde die Zentralperspektive konstruiert. Heute dagegen steckt das Subjekt mitten drin in dem, was es gerade untersucht. Das soll – als Gegenpol zu Dürer sozusagen – hier das Foto Fieldwork (2003) von Jeff Wall belegen. Es zeigt den Archäologen Anthony Graesch zusammen mit einem Mitglied des Stó:lō-Stammes bei Grabungen in dessen verlas­sener Siedlung. 

Großen Wert legt Latour auf „Procedure C – Verantwortung Teilen: Abschied vom Erhabenen“. Über Jahrhunderte fiel der Mensch vor den Naturwundern auf die Knie, sprach vom Erhabenen und malte riesige ­Bilder, die den Menschen angesichts dieser Wunder ganz klein zeigen. Heute gilt das nicht mehr, so Latours Argumentation. Denn heute hat sich das Verhältnis umgekehrt: Es ist die Natur, die angesichts der Gewaltakte des Menschen in die Knie gezwungen wurde – und die Menschen müssen dafür endlich die Verantwortung übernehmen. Untermalt wird diese Aussage durch One Ton II (2005) von Simon Starling. Für die Herstellung dieser fünfteiligen ­Fotoserie, die Verwüstungen durch Minen der Anglo American Platinum Corporation in Südafrika zeigt, wurde genau die Menge an Metallsalzen verbraucht, die sich aus einer Tonne Erz gewinnen lässt. 

Weiter geht es durch die „Procedure D – Von Ländern zu umstrittenen Territorien“, in der die neu entstandenen Verteilungskämpfe im Zeitalter der Ressourcenknappheit thematisiert werden, in die Sektion zur Religion „Procedure E – Endlich weltlich!“ hinein. Hier geht es um das Paradox, dass der moderne Mensch zwar die Fesseln der Religion abgeschüttelt habe, sich aber trotzdem in einem Religionskrieg wiederfindet. Und schließlich die „Procedure F – Inno­vation not Hype“. Hier steht die Technik im ­Mittelpunkt, zu welcher der moderne Mensch – so die These – jeglichen Kontakt verloren hat. Er weiß nicht mehr, wie sie ­hergestellt wird, er weiß nicht mehr, wie sie funktioniert. Um den Kontakt wieder her­zustellen, baute Thomas Thwaites für The Toaster Project (2011) aus den ihm zur Ver­fügung stehenden Materialien eigenhändig einen Toaster. Das Projekt gehört zu den skurrilen Beiträgen der Ausstellung, ebenso wie die Fotos von Sophie Ristelhueber (Untitled, 2011/15), welche die unterirdischen Wasserleitungen der Springbrunnen von Versailles zeigen. Dennoch: Ob skurrile oder hochkarätige Kunst oder wissenschaftliche Modelle – man kommt nachdenklich, ja fast ein wenig verstört aus dieser intellektuell fordernden, aber immer auch zugänglich aufgebauten Ausstellung heraus. Höchste Zeit, die Reset-Taste zu drücken. 

Noemi Smolik ist Kritikerin und lebt in Bonn.

Issue 24

First published in Issue 24

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