Sophie-Therese Trenka-Dalton

Heidelberger Kunstverein

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Sophie-Therese Trenka-Dalton, Falcon Roundabout, Fujairah, 2014, Fotografie

Sophie-Therese Trenka-Dalton, Falcon Roundabout, Fujairah, 2014, Fotografie

Anfang 2014 verbrachte Sophie-Therese Trenka-Dalton im Rahmen eines Stipendiums drei Monate in Dubai. Keine zufällige Wahl: Schon seit längerem beschäftigt sich die Berliner Künstlerin mit Motiven aus der arabischen Welt (dem antiken Mesopotamien, Assyrien und Babylonien) sowie dem Zu­sammenspiel hypermoderner Bauprojekte und traditioneller Architekturformen in Dubai. So auch in Dubayyland im Heidel­berger Kunstverein, ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung, in der Trenka-Dalton unter anderem Fotografien, (Readymade-)Installationen, Wandskulpturen und einen Film zeigte – Ergebnisse ihrer Recherche und Arbeit in „Dubayy“ (eine früher übliche westliche Schreibweise).

Eine merkwürdige Gleichzeitigkeit der Themen Gigantomanie und Miniaturisierung, räumliche Weite und Verdichtung bestimmt die Ausstellung. Beim Hinuntergehen in die Räume des sogenannten „Studios“ des Kunstvereins trifft der Blick auf ein kreisrund ausgeschnittenes Farbfoto an der Wand. Auf ihm sieht man einen Helium-Luftballon, wie man ihn von jeder Kirmes kennt. Er schwebt vor blauem Himmel in der Luft und trägt den Aufdruck „U.A.E.“ – United Arab Emirates. Im Hintergrund ist unscharf ein Stück des silbern gleißenden 800-Meter-Wolkenkratzers Burj Khalifa zu erkennen. In welcher Höhe der Ballon schwebte, als Trenka-Dalton das Foto aufnahm, und in welcher Distanz zum Gebäude er sich befand, ist dem Bildausschnitt nicht zu entnehmen. Die Arbeit (Balloon UAE, aus der Serie Jumeirah, alle Arbeiten 2014) bringt gleich zum Einstieg die Größenverhältnisse ins Schwimmen, und mit ihnen den Blick – ein Effekt, der sich im Raum rechterhand fortsetzt: Dort hat Trenka-Dalton Miniatur-Kristallfiguren des Burj Khalifa, wie sie in Touristenshops in Dubai verkauft werden, auf dem Steinboden arrangiert (Burj Khalifa). Unmittelbar über der Spitze der mittig positionierten Figur schwebt ein goldener Schlüsselanhänger, geformt wie ein Lot, wie es einst zum Ausrichten von Senkrechten am Bau verwendet wurde. Der Anhänger ist an einer dünnen goldenen Kette befestigt, die weit oben im Glas-Atrium des Kunstvereins fixiert ist und den Blick in Richtung Himmel zieht (der in Heidelberg natürlich nicht so schön blau ist wie in Dubai).

Man kann in der Art, wie Trenka-Dalton hier mit Raum arbeitet, eine raffinierte Spiegelung des Raumgefühls von Dubai sehen, wo Bauten, so guinnessbuchhaft dimensioniert sie auch sein mögen, vor dem Panorama von endloser Wüste, wolkenlosem Himmel und Persischem Golf optisch eher schon wieder schrumpfen. Möglicherweise ist das auch der Grund, warum in Dubai – wie in den benachbarten Emiraten – Kreisverkehr-Skulpturen stattliche Ausmaße annehmen: um nicht zu „verschwinden“. Trenka-Dalton hat eine Reihe von ihnen fotografiert und im ausgelegten Buch Roundabout Monuments of the UAE zusammengefasst – etwa eine Öllampe, Kaffeekannen, ein Schwertfisch, ein Adler; jeweils haushoch in der Mitte einer Verkehrsinsel platziert. Das Merkwürdige an Trenka-Daltons perfekt kadrierten Fotos ist, dass auf ihnen nur selten Autos oder Menschen zu sehen sind. Es geht der Künstlerin – das merkt man schnell – nicht darum, das „Leben“ in Dubai zu dokumentieren und daran anknüpfende Fragen vordergründig zu adressieren, etwa nach der Behandlung von entwurzelten Gastarbeitern oder der Stellung der Frau. Stattdessen nimmt Trenka-Dalton Dubai „leer“ in den Blick – als Ansammlung von wiederkehrenden Formen, Torbögen, Türmen.

So auch in der beeindruckendsten Arbeit der Ausstellung, dem elfminütigen Video NAKHEEL Palm Jebel Ali, für das sich die Künstlerin Zutritt zur stillgelegten Baustelle der Palm Jebel Ali verschaffte. 2008, im Zuge der globalen Finanzkrise, wurden die Arbeiten an zweien der insgesamt drei vor der Küste Dubais geplanten Pal­menparadiese von Nakheel Properties, dem staatlichen Immobilienunternehmen Dubais, eingestellt – eine davon die Palm Jebel Ali. Trenka-Dalton positioniert ihre Videokamera in Räumen des verlassenen „Sales Centers“ der Anlage, in dem vorgeführt werden sollte, wie luxuriös es sich in den geplanten Villen auf der Insel einst leben wird. In einem der Räume, wohl so etwas wie ein Spa, ist bereits Marmor verlegt; durch große Panorama­fenster blickt man auf die ins Meer ge­kippten Sandmassen; Tauben haben sich in den Kuppeln des Gebäudes heimisch gemacht und übersäen alles mit Kot.

Die aneinandergereihten statischen Sequenzen, mit Original-Atmo auf der Soundspur, mögen an die Architekturfilme von Heinz Emigholz erinnern, doch geht es hier nicht um das Abfilmen legendärer Architektur, sondern um ein Dokument des plötzlichen Abbruchs. Hier wurde, nach­dem der Geldhahn zuging, tatsächlich sofort alles stehen und liegen gelassen. In einer Einstellung sieht man noch eine Schaufel auf dem Boden liegen. Eine gespenstische Archäologie der Gegenwart, bei der die Künstlerin gar nicht explizit werden muss. Die Bilder sprechen für sich: Ein System, das Ruinen wie diese hervorbringt, ist brutal.

Jan Kedves ist Schriftsteller, Redakteur und Autor des Buches Talking Fashion: Von Helmut Lang bis Raf Simons: Gespräche über Mode (Prestel, 2013). Er lebt in Berlin.

Ausgabe 17

First published in Ausgabe 17

Dezember 2014 – Februar 2015

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