Toni Schmale and Sepp Auer

Galerie Christine König, Wien

Die etablierten Galerien in Wien haben ein ambivalentes Verhältnis zum Vorreitertum, zum Entdecken und Fördern von jungen Künstlerinnen und Künstlern. Angst vor Risiko und Ungewissheit sind nicht kompa­tibel mit Pioniergeist. Als Lösung für dieses Dilemma greift man in Wien gerne auf von Professoren und Professorinnen der Kunst­universitäten kuratierten Ausstellungen zurück – auch ich selbst durfte davon schon profitieren (z. B. in der von Josephine Pryde in der Galerie Senn kuratierten Ausstellung „Zurich“, 2003). Oft sind diese Ausstellungen super Gelegenheiten und können als Sprungbrett in den Galeriebetrieb dienen – die Hierarchien zu leugnen wäre schließlich naiv. Aber man muss schon mit dem Beigeschmack leben, beizeiten als Beweis für den sichtbaren Einfluss oder das gute Auge der jeweiligen Professoren herzuhalten. Ein Beispiel: Laut Begleittext umfasst die 2013 von Monica Bonvicini in der Galerie Christine König kuratierte und eindeutig betitelte Ausstellung „is my territory“ „den zeitlichen, räumlichen sowie inhaltlichen Grundriss ihrer zehnjährigen Tätigkeit als Professorin für Performative Kunst & Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste Wien.“

Bei just dieser Ausstellung lernte eine teilnehmende Künstlerin und damalige Studentin Bonvicinis, die heute 35-jährige Toni Schmale, einen Besucher kennen, der sich für ihre Arbeit begeisterte: Sepp Auer. Der heute 77-jährige österreichische Bildhauer gehört einer Generation von Künstlern wie Christian Ludwig Attersee oder Walter Pichler an, die in den 1970er und 80er Jahren mit Vorliebe auf Bauernhöfen im Südburgenland residierten und diese Gegend selbstgefällig „Tal der Könige“ nannten. Auer aber ist im Unterschied dazu viel unprätentiöser: Nie fühlte er sich einer speziellen Szene zu­ gehörig, er schätzte Stadt und Land gleicher­maßen, ohne das Bedürfnis, das eine oder andere zu romantisieren. In einem Land, das sich – Stichwort Bundespräsidentschaftswahl – gerade abmüht, solche Grabenkämpfe zwischen Stadt und Land, konservativ und progressiv, zu überwinden, vielleicht eine gute Anregung. 

Trotz der diversen Hierarchien, die den Kontext ihres Kennenlernens bestimmten, funktioniert die gemeinsame Ausstellung, die Schmale und Auer nun in der Galerie zeigen, als Begegnung auf Augenhöhe. Im ersten Raum empfängt einen Schmales wuchtige Skulptur hl. Antonia von 2015 – der Titel ist eine Anspielung auf die Namenspatronin der Künstlerin, die gefoltert wurde und als Märtyrerin gestorben sein soll. In der Matriarchatsforschung wird darauf hingewiesen, dass das Christentum für derlei Legenden häufig vorchristliche Frauenfiguren – starke und erotische keltische Göttinnen etwa – in Heilige verwandelt und entsexua­lisiert hat. Und sie natürlich leiden ließ. Meine eigene Namenspatronin zum Beispiel, die Schweizer Nationalheilige Verena, die natürlich eine heilige Jungfrau gewesen sein soll, wird mit Kamm und einem Krug Wasser dargestellt, was ihre keusche Tätigkeit als Betreuerin der Kranken symbolisieren soll. Tatsächlich scheinen hier mythologische Spuren ganz anderer Natur durch: Der Kamm ist z.B. auch das Hauptattribut der Wassernymphen, die für Fruchtbarkeit und Kindersegen zuständig waren, und er gilt als Symbol des weiblichen Schossdreieckes, also gleichbedeutend mit der Vulva, erotisches Symbol des Lebens und der Erneuerung. Das Brechen und Verdecken der erotischen Kraft von Frauen ist symptomatisch für patriarchalische Strukturen, insbesondere die der Kirchen. Die Heilige Jungfrau Antonia wiederum, auf die Schmales Skulptur an-­ spielt, soll während der römischen Christenverfolgung an einem Arm hochgezogen und tagelang an einem Querbalken hängenge­lassen worden sein. 

Die Skulptur ist zwar inhaltlich auf derlei Leidensgeschichten gepolt („arbeiten, arbeiten, demut, strenge“, schreibt mir Schmale in ihrer typischen Kleinschrift in einer E-Mail), aber nicht konkret an ein bestimmtes der entsprechenden Geräte angelehnt, welche man z. B. im Foltermu­seum in Wien besichtigen kann. Stattdessen bezieht sie sich formal auf die Zwinge, ein auch Schraubknecht genanntes Werkzeug, mit dem Werkstücke für die Bearbeitung fixiert werden. Aus der Zwinge wird bei Schmale ein BDSM-Monument, das sie selbst als mega-potente und im Umgang mit dem Material virtuose Bildhauerin erscheinen lässt. „in dieser abstraktion sind die funktionen einer zwinge vertauscht“, schreibt sie in ihrer E-Mail, „der arm, der sonst drückt, gleitet. der arm, der sonst gleitet, ist fixiert. die horizontalen und ver­tikalen kräfte stehen in abhängigkeit zu dem verhältnis wie groß das ist, was be/gezwungen werden soll. […] die formale überdrehung findet vor allem an dem punkt statt, wo die metallhierarchien aufeinanderprallen. der verzinkte stahl, das messing, und das polierte alurohr. geht eigentlich gar nicht zusammen, tut fast schon weh, ist camp.“ 

Auch bei Auer, einem ausgebildeten Schlosser, sind Spuren von Individualität (das Gestisch-Expressive etwa) ebenfalls zugunsten des eher Handwerklichen einer eleganten Oberflächenbehandlung zurück­gestellt. Seine in der Ausstellung gezeigten skulpturalen Arbeiten aus Pressspanplatten und Aluminium sind stets sorgfältig geschnit­ten und erinnern an Rahmen oder andere Hilfskonstruktionen, die mehr unterstützenden Charakter als Autonomie suggerieren. Obwohl Auer im Pressetext zur Ausstellung behauptet, dass die Gemeinsamkeiten zwischen der jüngeren Kollegin und ihm selbst eher in formalen Interessen zu finden sind, haben sie doch auch inhaltlich einige Schnittmengen: Beide haben ein Gespür dafür, Formen zu finden, die den sexuellen Beiklang gewisser Formalismen pointieren. 

So hat Auer zum Beispiel auf einer – wie immer bei ihm – unbetitelten Skulptur aus Aluminium (2009), die formal an eine Bank erinnert, mit Lack das Fragment einer Kontaktanzeige aus der Kronen Zeitung (ein bei ihm rekurrierendes Motiv) aufgemalt: „SINNLICH pur 0664/640 65 04“. Über das Verhältnis von beschreibenden Texten zu Kunstwerken hat sich Auer immer wieder lustig gemacht – hier im Vokabular käuflicher Liebe. Über Begehren sprechen dagegen Schmales hervorragende neue Arbeit wildkatze, eine schwarze Stahlskulptur, die formal an sogenannte „Wildcats“ („getunte“ Gewehr­patronen) angelehnt ist, und die beiden Wand­arbeiten kimme und korn (alle drei 2016), deren Form von Gewehrläufen inspiriert ist. Die Oberflächen aller drei sind brüniert – eine Technik, die normalerweise bei der Herstellung von Präzisionswerkzeugen und Waffen zum Einsatz kommt. Eine Wildkatze vor den Gewehrläufen, gleichzeitig selbst ein Projektil – eine Situation, in der Rollen von Jäger und Gejagtem sich ständig ab- wechseln können. 

In dieser Ausstellung geht es auch, immer etwas scherzend, um die unterschiedlichen Werturteile, die der Materialwahl anhaften, um das Unten oder Oben innerhalb der Kunstgeschichtsschreibung. Im Zusammenspiel zwischen Auers „erotischem Spätwerk“, wie Markus Mittringer die späteren Arbeiten des Bildhauers einmal charakte­risiert hat, und Schmales Verknüpfung von queeren Themen mit traditionellen Bildhauereifragen (wie die des Sockels bespielsweise) ist, je größer die vermeintliche Distanz zwischen beiden, desto mehr Platz für das erotische Spiel mit diesen Hierarchien.

Issue 25

First published in Issue 25

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