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Waste, Not.

Galerie Gregor Staiger

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John Latham, They’re learning fast (detail), 1988/2013, Aquarium, Seiten aus Report of a Surveyor (1984) und Piranhas, 50 × 100 × 40 cm

John Latham, They’re learning fast (detail), 1988/2013, Aquarium, Seiten aus Report of a Surveyor (1984) und Piranhas, 50 × 100 × 40 cm

Zum Sommerende eröffnete in Zürich eine Reihe von Ausstellungen mit teuer produzierter, gänzlich unanstößiger Hochglanzkunst, wie für Unternehmenssammlungen gemacht. Im Kontrast dazu gab es Waste, Not., kuratiert von Künstler Matthew Richardson, eine Ausstellung, die sich provokant gerade mit denjenigen Kriterien aus­einandersetzt, die in den anderen Galerien hochgehalten werden: „Wertigkeit“ von Kunst und die Standards ihrer Produktion. Der Ausstellungstitel ist eine verkürzte Fassung der englischen Sparsamkeits-Maxime „waste not, want not“. In seiner elliptischen Form wirkt der Satz wie jugendlicher Sarkasmus und lädt die Besucher dazu ein, sich zu fragen, ob die präsentierten Werke nun etwas „wert“ oder nicht vielmehr überflüssig sind.

Die Ausstellung brachte Werke von sechs britischen Künstlern zusammen: Rachal Bradley, Timothy Davies, John Latham, Patricia Lennox-Boyd, Hannah Sawtell und Richardson selbst. Zunächst steht man vor Lathams They’re learning fast (1988/2013), einem Aquarium, in dem junge Piranhas um vier nachgedruckte Seiten aus Lathams Buch Report of a Surveyor (1984) herumschwimmen. Natürlich werden die Fische dabei nicht schlauer – im Gegenteil, es wirkt eher so, als seien die jungen Tiere von ihrer Umgebung völlig eingeschüchtert. Nun hat Latham seine Gedanken schon, um sie besser kommunizieren zu können, Schwarz auf Weiß niedergeschrieben, aber selbst dann haben sie keine Wirkung – und noch nicht mal Fische sind empfänglich für sie? Lathams Frust ist deutlich zu spüren. Die zwei Skulpturen von Richardson sind auf ähnliche Weise unnütz und ironisch. Bei Self employed II und CV Clinic (beide 2012) handelt es sich um kleine würfelförmige Stahlboxen. Sie stehen auf dem Boden und sind nach oben und seitlich offen. Im Inneren befinden sich jeweils zwei Förderbandrollen aus blauem PVC. CV Clinic ist keksfarben, in einer Ecke der Box liegt die Attrappe einer Knäckebrotscheibe. Während die Titel der Arbeiten an die Sprache von beruflichem Ehrgeiz und kapitalistischer Effizienz erinnern und die Arbeiten selbst den Eindruck von Nützlichkeit erwecken (zum Beispiel könnten sie zum Drucken oder Schuhputzen gut sein), so sind sie doch mit einiger Offensichtlichkeit völlig nutzlos.

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Matthew Richardson, CV Clinic, 2012, Mixed Media, 21 × 21 × 21 cm

Matthew Richardson, CV Clinic, 2012, Mixed Media, 21 × 21 × 21 cm

Waren diese Männerarbeiten sozusagen „impotent“, so vergleicht Richardson sie mit der satirischen Fruchtbarkeit der Arbeit der Künstlerin Lennox-Boyd: Ovum (ooplasm) (2013) besteht aus sechs Fotografien, die das strahlende Gelb eines separierten Eidotters zeigen. Die Bilder sind hinter einer Leiste aus durchsichtigem Kunstharz und einem weißen Verlängerungskabel an die Wand gepinnt. Wenn auch unbefruchtet, suggerieren die Dotter potentielles Leben – dabei endet der Vogelembryo möglicherweise als Menschenfrühstück. Das Stromkabel hat gerade einmal so viel Strom, dass es ein LED-Lichtchen antreiben kann. Bradleys Arbeiten demgegenüber verhalten sich todernst. Vier Werke aus ihrer Reihe Out of Season (2012) bestehen aus Bridget-Riley-Bildern, die sie aus Katalogen abfotografiert hat. Bradley zeigt die Reproduktionen als vektorisierte Zeichnungen und hat eine Krankenschwestern-Uhr in die rechte obere Ecke der querformatigen Arbeiten gepinnt. Fast übersieht man sie, aber zwischen Bradleys Werken befindet sich Sawtells Mole (2009–13), eine grün lackierte Stahlsäule mit einer Glühbirne am oberen Ende, die die dahinter liegende Wand anstrahlt. Diese Arbeit lässt sich als Spion in den Reihen der Anarchisten verstehen, als Eindringling aus der benachbarten Welt des trockenen Formalismus, aus der Kunst, die sich zwar anschauen lässt, aber die einen nicht zum Nachdenken zwingt. Waste, Not. ist chaotisch, aber auch nachdenklich – eine Ausstellung, die sich mit mehreren Ideen beschäftigt: mit dem Künstler als Arbeiter in einem System; mit der Reproduktion, die das Original überflüssig macht (das geklonte Schaf Dolly illustrierte die Einladungskarte), und mit der Überflüssigkeit von Kunst. Mehrere der Arbeiten lehnen sich spielerisch in Richtung kommerzielle Kunstwelt, lassen aber zugleich unruhestiftende Zwischentöne verlauten. Mit dieser Geste kritisiert die Ausstellung die Gefälligkeit einiger in der Nachbarschaft parallel gezeigter Schauen, bei denen Größe und Glanz spürbar vor kritischer Reflexion kommen – und auf diese Weise erobert Waste, Not. die Galerie als einen Ort der Unsicherheit und Widersprüche zurück.
Übersetzt von Anna-Sophie Springer

Ausgabe 12

First published in Ausgabe 12

Dezember 2013 - Februar 2014
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