Basim Magdy

Deutsche Bank KunstHalle, Berlin, Deutschland

Basim Magdy, Every Decade Poses as a Container Heavier than its Carrier, 2015, spray paint and acrylic on paper, 70 × 100 cm

Basim Magdy, Every Decade Poses as a Container Heavier than its Carrier, 2015, spray paint and acrylic on paper, 70 × 100 cm

„Die Sterne standen gut für ein Jahrhundert des Neubeginns“ – verheißungsvoller könnte der Titel von Basim Magdys Einzelausstellung in der Deuschen Bank KunstHalle wohl kaum klingen. Die Zukunft als bessere, schönere und smartere Welt – die Gelegenheit beim Schopf ergreifen und unverzagt nach vorne blicken. Man erwartet also eine Ausstellung, die zum Aufatmen einlädt, doch das Gegenteil ist der Fall. Magdy, den die Deutsche Bank unlängst als „Künstler des Jahres 2016“ auszeichnete, seziert das Hier und Jetzt, indem er einen kritischen Blick auf das Morgen wirft. Die Zukunft ist hier weniger vielversprechender Neubeginn als vielmehr permanente Wiederholung längst gescheiterter Illusionen. Mit der Naivität der Verdrängung schreibt die Menschheit ihre Geschichte und spinnt dabei wie besessen immer wieder dieselben Utopien. Der Glaube an Fortschritt, Macht und Vernunft wird ad absurdum geführt, die erhoffte Erlösung bleibt aus.

Schon beim Betreten des ersten Ausstel­lungsraumes wird dem im Titel mitschwingenden Optimismus ein Dämpfer verpasst: In einem überdimensionierten Spiegel reflektieren sich die Betrachter, die darauf leuchtende Botschaft „Your head is a spare part in your factory of perfection“ deutet das Ende kausalen Denkens an (The Future of Your Head, 2008). Die Wand gegenüber ist mit Tableauartig angeordneten Acryl­malereien gepflastert, die in ihrer Farbgebung einem psychedelischen Sinnesrausch entsprungen scheinen. Auf einem der Bilder erkunden astronautenähnliche Kreaturen mit Helmen und Schutzmasken eine Umgebung, deren Sterilität erst auf den zweiten Blick seltsam erscheint (Our Spies Saw an Early Pollination Season on the Horizon, 2013). Und so ahnt man schon, während man sich noch von dem sanft­farbigen Flow mitreißen lässt: Der im Bild der Raumfahrt als prototypische Verkör­perung eines Grenzen überschreitenden Fortschrittsglaubens heraufbeschworene Idealismus ist trügerisch, hinter der farbenfrohen Fassade lauert es giftig. Spätestens beim Anblick zweier sich unterhaltender Totenköpfe tritt dann Gewissheit ein (A Poetic Exchange of Courtesies, 2010) – in seinem Optimierungswahn arbeitet der Mensch auf sein eigenes Aussterben hin. 

In Magdys Oeuvre findet sich keine Utopie, die nicht schon existiert hätte, kein weltverbessernder Versuch, der nicht schon gescheitert ist. Besonders deutlich wird dieser Kreislauf aus kollektivem Hoffen, Handeln und Versagen, den der Künstler als symp­tomatisch für die moderne Gesellschaft auffasst, anhand der Doppeldiaprojektion A 240 Second Analysis of Failure and Hopefullness (With Coke, Vinegar and Other Tear Gas Remedies) (2012). In 160 Bildern dokumentiert Magdy den Abriss und Neubau eines Gebäude­komplexes, dessen düstere Fassade aus einer verwaschen-pudrigen Farbumgebung ragt. Um diese zu erzeugen, legte der Künstler die Filmrollen in unterschiedliche Haushaltschemikalien ein – nicht nur der fortwährende Zyklus aus Aufbau und Zerstörung, sondern auch die Unkontrollierbarkeit des Vorganges und damit des Zukünftigen werden hier metaphorisch zum Ausdruck gebracht. In der Videoarbeit The Many Colors of the Sky Radiate Forgetfulness (2014) hingegen dominiert eine postapokalyptische Stimmung, von der die Menschheit allerdings nichts mehr mitzubekommen scheint: Nur steinerne Statuen und ausgestopfte Tiere starren ausdruckslos in die Kamera. 

Es ist ein düsteres Bild, das Magdy von der Menschheit zeichnet: Hilflos treibt das Individuum im Äther einer längst entschwundenen Zukunftsgläubigkeit und hat dabei jeden Bezug zur Realität verloren. Und doch lässt sich diese Apokalypse in ihren Regenbogenfarben leicht verdauen, das Gefühl der Beklemmung bleibt aus. Unangenehm wird Magdys Ausstellung nur, wenn man sich plötzlich das gegenwärtige weltpolitische Geschehen ins Gedächtnis ruft. Dann nämlich mutet diese zarte Fantasie­welt doch ein wenig zu unbeschwert, ein wenig zu seicht an. Es scheint jedoch, als habe Magdy auch seinen eigenen Eskapismus längst durchschaut: „The fruit no one eats is reality“ heißt es nicht ohne Bitterkeit in einer seiner Arbeiten (The Everyday Ritual of Solitude Hatching Monkeys, 2014). Den Sternen jedenfalls ist nicht mehr zu trauen.

Issue 25

First published in Issue 25

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