Ed Fornieles

Arratia Beer, Berlin

Ed Fornieles, Der Geist: Flesh Feast, 2016. Courtesy: Artist, Arratia Beer. 

Ed Fornieles, Der Geist: Flesh Feast, 2016. Courtesy: Artist, Arratia Beer

„It’s scary to think about all the potential that is lost by those who do not use it.“ – „Schrecklich, an all das Potenzial zu ­denken, das denen verloren geht, die es nicht nutzen.“ Mit dieser Zeile beginnt das Video Der Geist (2016) von Ed Fornieles in seiner Einzelausstellung „Der Geist: Flesh Feast“ bei Arratia Beer, in der ansonsten Figurinen, gedruckte Wandteppiche, Diät-Pakete und allerlei motivierende Botschaften zu sehen sind. Verbindendes Element ist die Geschichte eines Comic-Fuchses, in der es um dessen Erfolge mit der Bulletproof-Diät geht. Beim eingangs erwähnten Zitat muss ich unweigerlich an den Film Ohne Limit (2011) mit Bradley Cooper denken. In diesem Pharma-Hollywoodthriller spielt Cooper einen Romanschriftsteller mit Schreibblockade, der ein neues Medikament in die Finger bekommt, das die ungenutzten Teile des Gehirns aktiviert. Er schreibt sein Buch zu Ende und wendet sich dann größeren „Herausforderungen“ zu, etwa an der Börse zu spekulieren und sich mit finsteren Milliar­dären einzulassen. Dabei bewegt er sich in einer Welt aus luxuriösen Hotels, Sportwagen und schemenhaften Liebschaften: So also sieht das „Potenzial“ aus, das unter dem Schleier aus Lethargie, Fettleibigkeit und Langeweile, den die bürgerliche Kultur unserer Zeit über uns breitet, verborgen liegt. Unser Hirn hält uns einfach nur davon ab, all das zu erreichen, träge und erstarrt wie wir sind durch zu viel Binge-Watching.

Fornielesʼ Video zitiert zwar verschiedene Vorstellungswelten – Business-Rat­geber-Rhetorik versus post-pubertäre Vor­stellungen davon, was ein cooler Macker ist – doch wie bei Ohne Limit geht es letztlich um die zyklische Ökonomie eines angstgetriebenen Verlangens. Selbstverwirklichung wird hier ohne jegliche Grenzüberschreitung erreicht. Auch der „entfesselte“ Geist entkommt nicht den Gepflogenheiten des Business-Alltags, er kommt bloß reibungsloser mit ihnen zurecht: schneller produzieren, schneller Geld ausgeben. So buchstabiert sich kaltgepresste Freiheit: „E R F O L G“.

Mir kam Ohne Limit schon immer wie ein abendfüllender Werbeclip für Adderall vor, das verschreibungspflichtige Amphe­tamin-Präparat, mit dem man sich an ame­rikanischen Colleges und bei den Hedgefonds pusht. Fornielesʼ Ausstellung zeigt ein ähnliches Verhältnis zur Bulletproof-Diät, einer fettreichen, kohlenhydratarmen Trend-Diät, die ein gewisser Dave Asprey erfunden hat. Auf dem Buchdeckel von Aspreys Bestseller steht: „Verpassen Sie Ihrem LEBEN ein Upgrade“ – womit wir wissen, woher Fornieles das Libretto für seinen Film hat. „Der Geist: Flesh Feast“ besteht aus einer Konstellation von motivationssteigernden Objekten, besser gesagt: Propaganda­material, das einmal den Prozess durch­laufen hat, der solchen Dingen den Touch aktueller Kunst verleiht. Poster aus digital bedruckten Teppichen mit Slogans wie ­„kontrolliere Dinge, die du kontrollieren kannst“ oder „glaub nicht alles, was du denkst“. Einer hat die Form einer Uhr, einer die der Ernährungspyramide.

Ed Fornieles, Der Geist: Flesh Feast (installation view), 2016. Arratia Beer. 

Ed Fornieles, Der Geist: Flesh Feast (installation view), 2016. Arratia Beer

Zeit und Ernährung – das sind die ­Achsen im Koordinatensystem von Fornielesʼ Darstellung des modernen Körperstress. Eine Skulptur zeigt zwei Figuren aus Gemüse und Zitronen, an der Wand hängen vaku­umverschweißte Pakete mit Espressokaffeebohnen und Stoff, von dem ich annehme, dass es sich um Kleider handelt. Damit spielt Fornieles auf die Starter-Packs an, die er in der Ausstellung verkauft, wobei die Kaffeebohnen für den Bulletproof-Kaffee gedacht sind, eine Mixtur aus Espresso und Butter, die zu den Grundbestandteilen der Diät zählt. In Glasvitrinen stehen im 3D-Druck hergestellte Fuchs-Figürchen. Der Fuchs taucht in den On- und Offline-Arbeiten des Künstlers als alter ego immer wieder auf. Mit den Figürchen sind verschiedene Selbst­optimierungs-Szenen nachgestellt: der Fuchs auf der Couch eines Psychoanalytikers, der Fuchs bei der Gymnastik auf einem Stuhl, der Fuchs am Schreibtisch mit acht Armen wie Shiva, in denen er verschiedene Utensilien des Unternehmens hält. Das Video erzählt die Geschichte dieser Figur, die anfangs ein Ausbund an Schlappheit war, bis sich der Fuchs die Selbstoptimierung zum Projekt machte: Diät, Training, Selbstkontrolle. Die Presseerklärung liest sich, wie die Auffor­derung, an einem Schneeballsystem teilzunehmen: „Read as though you must teach this to others.“ (Lies, als müsstest du es anderen beibringen.) Das spricht die Betrachter als Esser, Abnehmer und Optimierer an. Der Text spielt sogar auf Ockhams Rasiermesser an: Alles Überflüssige muss verschwinden. 

In seiner Analyse des Kapitals sieht Marx den Mehrwert als abstrakte Variable, die wieder in die Produktion investiert ­wer­­den kann oder auch nicht. Erst mit Georges Batailles Theorie der politischen Ökonomie wird erfasst, wozu der Überfluss wirklich führt: zu okkulten und opulenten Techniken, dazu, das Zuviel zu verschmähen und zu ­verbrennen. Unsere Dienstleistungsökonomie basiert fast vollständig darauf, mit ­diesem Dilemma umzugehen. Ein Zuviel an Körpergewicht, ein Zuviel an Zeit – dafür gibt es Apps: Tools zur Selbstkontrolle, die heute den Luxusmarkt dominieren. Was ­Fornielesʼ Video in seiner Rhetorik allerdings ausspart, ist, wo Selbstkontrolle und Kontrolle im Sinne von Machtausübung in eins fallen. Beim zweiten Durchgang fällt mir auf, dass die weibliche Computerstimme, die das Video aus dem Off moderiert, dem Sound von Siri ziemlich nahekommt, Apples Version einer digitalen Sekretärin. Es stellte sich heraus, dass Apple bei den ersten Ver­sionen seiner „Gesundheits“-App vergessen hatte, die Menstruation miteinzubeziehen. Solche Details lassen ahnen, dass die Technologiekonzerne am Ende ein neues Paradies erschaffen wollen, in dem sich schlanke, effiziente Bradley Coopers nach Belieben mit weiblichen Sexrobotern tummeln werden. Da frage ich mich: Ist Fornielesʼ Fuchs ein Durchschnittsheini, der versucht, noch mehr Punkte auf seiner To-do-Liste abzuarbeiten, oder ein Proto-Fascho im Stile Marinettis?

Bis ich in der Ausstellung war, hatte ich mich immer gefragt, warum man in Künstlerateliers eigentlich so viele Kugelhanteln sieht. Vielleicht sollte man ja erleichtert sein, dass die Zeiten vorbei sind, in denen nur Yuppies sich um Training und Ernährung kümmerten; dass das kulturelle Kapital, das mit der Vorstellung vom kettenrauchenden, vom Biertrinken aufgeschwemmten Künstler à la Martin Kippenberger am Schwinden ist. Aber die Art und Weise, wie der ­Körper in diesen Lifestyle-Programmen selbstverwaltet wird, hat etwas Körper-schaftliches, etwas zutiefst Unternehmerisches. In einer Zeit, in der die Macht und die opponierenden Kräfte wie nie zuvor inei­nander verstrickt sind, sind viele Künstler zu Managern und Fitness-Freaks geworden. Darüber muss man sich nicht beklagen, und man muss die künstlerische Arbeit auch nicht an den verstaubten Standards kritischer Attitüden aus dem 20. Jahrhundert messen. Es hat aber schon etwas alptraumhaftes, wie Fornielesʼ Ausstellung die Rhetorik von Diätaposteln und Ratgeberslogans wiederkäut, ohne sich die Mühe zu machen, diesem Wertesystem der Bessergestellten irgendetwas entgegenzusetzen. Oder sind wir selber die Zielscheibe des Spotts? „Der Geist“ gipfelt in einer euphorischen Lobpreisung von Scheiße – der Fuchs futtert und kackt immer schneller und offenbart dabei die Verdauungswunder des „Normalseins“. Das Videobild wird dann in der Bildschirmmitte ein Klo hinunter­gespült. Wir haben alle unsere Routinen, und fast jeder hat ein Problem, das mit der Mischung aus Kaffee und Butter gelöst ­werden könnte. Doch beim Betrachten von Kunst bleibt die Frage, ob wir bloß amüsiert sind, weil wir etwas Vertrautes (den neusten Diät-Trend) an einem ungewöhnlichen Ort (einer Galerie) sehen, oder ob wir Inhalte schaffen, die sich mit dem Status quo ­anlegen. Wir müssen uns fragen: Reden wir Scheiße oder reden wir über Scheiße?

Übersetzt von Michael Müller

Issue 24

First published in Issue 24

Summer 2016

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