Luisa Kasalicky

BAWAG Contemporary

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Luisa Kasalicky, „en suite“, 2011, Detail

Luisa Kasalicky, „en suite“, 2011, Detail

Mit ihren Skulpturen und Installationen nutzt Luisa Kasalicky unsere natürliche Neigung aus, den Dingen Sinn entlocken zu wollen. Da sie einen Großteil ihrer Ausgangsmaterialien aus Baumärkten bezieht, liegt es nahe, diese Objekte – die alle so geschickt amputiert sind, dass man sie gerade noch erkennen kann – als versteckte Hinweise, wenn nicht offene Einladungen zu verstehen, nach entsprechenden Erklärungen und Sinnzusammenhängen zu suchen. Darüber hinaus geben ihre Arbeiten jedoch kaum weiterführende Spuren preis; persönliche Geschichten und Erfahrungen mögen als Ausgangspunkte dienen, zeigen sich aber nicht notwedig in den daraus resultierenden Werken. Kasalickys Ansatz macht kurzen Prozess mit der Naivität gegenüber solchen Mechanismen und der Neigung, kausale Beziehungen zu unterstellen, wo möglicherweise keine sind. Wenn sie beispielsweise Schaumstoffmatten beschneidet, mit Gips überspachtelt und dann als weiche, zerklüftete Rahmen auf der Wand montiert (Ohne Titel, 2011). Oder wenn sie grüne Lodenmäntel nimmt und den Stoff über ausgehängte Türen spannt, um diese dann wie Altarflügel an die Wand zu hängen („en suite“, 2011).

Kasalicky verknüpft und kombiniert gewöhnliche Einrichtungselemente aus Wohnungen, Läden und Büros auf dissonante und manchmal auch komische Weise. Und gerade weil diese Dinge so vertraut sind, lassen ihre Arbeiten mögliche Geschichten anklingen, spielen mit den psychologischen Qualitäten der Materialien, die in beschnittener und zusammengesetzter Form einen durchaus abstrakten Charakter annehmen. Was für eine Geschichte ließe sich z.B. von den wie Häute oder Bezüge aufgespannten Jägermänteln erzählen? Vielleicht liegt der Schlüssel in den Taschen: Ihre originalen weißen Kontrastnähte bleiben soweit sichtbar, dass man den Mantel noch als solchen erkennen kann. Mehr aber nicht.

„en suite“ diente auch als Titel der gesamten Ausstellung und beschrieb treffend die architektonische Ordnung des Ausstellungsraums: eine Folge von Räumen, in der jeder Raum nur über die jeweils anderen zugänglich ist. (Dieser kaum Privatsphäre gestattende Grundriss war weit verbreitet, bevor im späten 17. Jahrhundert der Korridor erfunden wurde.) Bestimmte Kompositionen und Skulpturen – alle Teil der „en suite“ Serie (2011) – ragten in den Raum hinein und modellierten so eine weitere Raumflucht innerhalb der vorgegebenen. Die Künstlerin konstruierte aus einer zerstörten Backsteinmauer einen festungsartigen Raumteiler, ergänzte eine Raumecke mit Sitzbänken, um so eine neue Biegung entstehen zu lassen und schuf, indem sie Löcher in Dachpappen stanzte, die die gesamte Wand bedeckten, die Illusion eines schwarzen Sternenhimmels – der den Blick der Betrachter nach oben auf die bunten Keramikkacheln lenkte, die Teil des bestehenden Gebäudes sind.

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Luisa Kasalicky, „en suite“, 2011, Ausstellungsansicht

Luisa Kasalicky, „en suite“, 2011, Ausstellungsansicht

Die Pendelbewegung zwischen Reprä-sentation und Abstraktion beschäftigt Kasalicky seit langem. Während sie zunächst als Malerin begann – und die Malerei auch immer noch als Ausgangspunkt ihrer Praxis versteht – bewegten sich ihre Arbeiten im Verlauf der letzten Jahre zunehmend von der Wand weg und in den Raum hinein. Bis vor Kurzem arbeitete sie vor allem mit industriellen Materialien und bediente sich der Ästhetiken der 1960er und 70er Jahre. Indem sie diese durch die heutigen Heimwerkerprodukte ersetzt, erscheinen Kasalickys Kompositionen wesentlich raumorientierter. Dass so viele ihrer Materialien – Messingrohre, Regenrinnen, Spachtelmasse, Werkzeuggürtel – auch auf körperliche Arbeit anspielen, verweist zudem auf die ihnen innewohnende gestalterische Intelligenz und Geschichte: auf das Wissen, das in jenen Dingen lebt, die man – völlig gedankenlos – täglich nutzt. Zugleich streichen diese Objekte genau dasjenige Wissen über unsere Umgebung heraus, das man selbst so weit wie möglich auszublenden versucht, obwohl man natürlich dennoch ständig davon beeinflusst ist. Wasserleitungen werden für gewöhnlich unter den Putz verbannt, aber was würde man ohne das Wasser machen, das in ihnen fließt?

Als ein weiterer Schlüssel, um Kasalickys Umgang mit Materialien zu dekodieren, bietet sich eine Serie von surreal anmutenden Zeichnungen an („Requisitendepot”, 2009-10). Diese Zeichnungen beziehen sich auf Jean Epsteins Film La chute de la maison Usher (Der Untergang des Hauses Usher, 1928), der wiederum lose auf Edgar Allen Poes gleichnamiger Kurzgeschichte von 1839 basiert. (Auch Luis Buñuel hat an diesem Film mitgearbeitet, einer von vielen Sur­realisten, die von Poes Schauergeschichten fasziniert waren.) Der von mystischen und okkulten Stimmungen geprägte Film spielt im Spukhaus eines Adligen, der seine Zwillingsschwester lebend begraben hat. Er lebt zwischen den Schätzen seiner Vorfahren, die zugleich bizarr und camp (ein barocker Kamin mit Schwanenhals, Rüstungen und Gemälden der Familiengrabsteine) erscheinen. Auch wenn man hier kaum weiter weg sein könnte von den hell erleuchteten Baumarktgängen und all den heiteren Do-It-Yourself Läden dieser Welt – die Wirklichkeit könnte sich dennoch jederzeit in ein dunkles Theater verwandeln. Jeder dieser nützlichen Gegenstände könnte seine eigenen Empfindungen haben.
Übersetzt von Daniel Pies

Helen Chang ist Autorin. Sie lebt und arbeitet in Wien.

Ausgabe 1

First published in Ausgabe 1

Sommer 2011

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