Mirrors (installation view), 2016. Courtesy: Duve Berlin. 

Mirrors (installation view)2016. Courtesy: Duve Berlin

Schon bevor ich die Räumlichkeiten von Duve betrete, bemerke ich auf den Stufen im Treppenhaus einen subtilen Hinweis auf das Thema der Ausstellung „Mirrors“: Eine halb aufgerauchte Zigarette liegt auf dem Boden, höchstwahrscheinlich in einer Laune der Unachtsamkeit weggeworfen. Im Kontext der Ausstellung könnte dieser Zigarettenstummel glatt als unfreiwilliges Ready Made durchgehen. Denn „Mirrors“ – kuratiert von Elise Lammer – ist „a show about smoking“, wie es im äußerst spärlich gehaltenen Pressetext heißt. 

Beim Betreten der Galerie sieht es zunächst eher so aus, als werde dem Rauchen als etwas Positivem gehuldigt: In der Mitte des Raums ist Marlene Starks Installation Double Happiness (2016) platziert – eine aus Holz und Kork gefertigte Liege, die als unmissverständlicher Appell funktioniert, erst einmal alle Viere von sich zu strecken und die Ausstellung in jener meditativen Losgelöstheit zu genießen, die dem Raucher seine Feierabendzigarette beschert. Auch die Videoarbeit For I Am Divided for Love’s Sake, for the Chance of Union (2016) des Künstlerinnenduos Selina Grüter und Michèle Graf findet am Rauchen noch nichts auszusetzen: In einem Hippie-Van sitzen fünf Freunde und teilen sich brüderlich eine Zigarette, allerdings mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad, denn die Asche soll so lange wie möglich in einem Stück erhalten bleiben. Und so wächst mit jedem Zug der graue Turm auf der Spitze, er wankt und wackelt und droht bei jeder Berührung zu kolla­bieren – Rauchen als soziales Ritual, in dem man eben nicht nur die Zigarette, sondern auch ein gemeinsames Verständnis, eine gemeinsame Mission teilt. 

John M Armleder, Untitled (John M Armleder for Duve), 2016. Courtesy: the artist. 

John M Armleder, Untitled (John M Armleder for Duve), 2016. Courtesy: the artist

Dieser eher unbefangene Blick gerät jedoch schnell in Vergessenheit, wenn man vor Adrian Pipers Fotoarbeit Ashes To Ashes (1995) tritt. Über Jahre hinweg dokumen­tierte Piper den Leidensweg ihrer an einem Lungenemphysem erkrankten Mutter. Auch Robert Powells Bleistiftzeichnung SL ASH_TRAYyy.stl (2016) drückt mehr Ab­neigung denn Wohlwollen aus: Auf dem weiblichen Torso, den der Künstler in einem Aschenbecher platziert hat, prangt ein hämisch dreinblickender Totenkopf. 

Mit insgesamt 15 verschiedenen Positionen wird die Symbolik der Zigarette bei Duve immer wieder aufs Neue entschlüsselt. Während sich die Aussage bei den meisten Arbeiten auf den ersten Blick erschließt, sucht man beim Anblick anderer dann allerdings doch nach dem thematischen Zusammenhang. So scheint die Zigarette in der Hand der afroamerikanischen, hinter Gittern stehenden Frau in Louise Gagliardis Gemälde Johanne (2016) beispielsweise eher motivisches als inhaltliches Beiwerk zu sein. Auch Adrian Buschmanns zarte Pastellarbeit Ich hab aufgeräumt, Morgen kommt meine Russische Putzfrau (2011) lässt den im Pressetext prophezeiten emanzipatorischen Sinngehalt nicht so recht erkennen – auf dem Bild ist lediglich eine einsam vor sich hin qualmende Zigarette zu sehen. Die perspektivische Divergenz sorgt dennoch dafür, dass man als Betrachter ständig zwischen einem Gefühl der Befangenheit und des Amüsement schwankt. Einige der Arbeiten halten aufgrund der ihnen innewohnenden Ironie bei Laune, bei anderen hingegen, beispielsweise Pipers Fotoarbeit, regt die Drastik eher zum Wegschauen an. 

Jason Simon, Spirits, 1996. Courtesy: Calicoon Fine Arts, New York, NY. 

Jason Simon, Spirits, 1996. Courtesy: Calicoon Fine Arts, New York, NY

Es ist dieses genau richtige Maß an Ambivalenz, das „Mirrors“ schlussendlich zu einer gelungenen Ausstellung macht. Im kleinen Rahmen erzählt die Ausstellung Geschichten über das Rauchen, entlang derer dann jedoch viele gesellschaftliche Widersprüche in all ihrer Absurdität aufkeimen: Reichtum und Armut, Genuss und ­Verderben, Leben und Tod gehen Hand in Hand. Dass die Zigarette hierbei als the­matischer Ausgangspunkt dient, ist nur logisch: Es existiert wohl kaum ein offensichtlicheres Paradoxon, als das des bei ­Verstand seienden Menschen, der sich trotz Bewusstseins um die Gesundheitsrisiken wider dieses besseren Wissens die nächste Zigarette anzündet. Wir wissen es besser, aber wir machen es nicht – ein Prinzip, das sich nicht nur im individuellen Alltag, sondern auch auf gesellschaftspolitischer Ebene tagtäglich beobachten lässt. „It’s a show about smoking“ – das ist deshalb nur die halbe Wahrheit. 

Issue 24

First published in Issue 24

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