Peter Piller

Capitain Petzel

Umschläge #8, 2011–12, Archival pigment print on Alu-Dibond; from the series Umschläge, 2011–2

Skyfall (2012), der letzte James-Bond-Film, hält am Ende eine Überraschung parat: Da diente der britische Geheimagent seit GoldenEye (1995) unter einer weiblichen Vorgesetzten, und auch die sogenannten Bond-Girls hatten längst mehr als nur die sprichwörtlichen Waffen einer Frau im Anschlag. Und nun das: M stirbt und wird durch einen Mann ersetzt. Einen feuerwaffen- und kampferprobten Mann – schließlich hat sich M im Umgang mit dem Schießeisen als unbeholfen erwiesen. Und Moneypenny? Sie stellt nach einem Außeneinsatz – auch sie hat es nicht so mit dem Schießen – fest, dass sie an den Schreibtisch gehört. Im Bond-Film ist die Männerwelt also wieder in Ordnung. Kerle legen ihre Pranken um Colts, Frauen ihre zarten Hände auf Tastaturen.

Dieser kleine Exkurs in die Populärkultur scheint angesichts von Peter Pillers Ausstellung Tatsächliche Vermutungen geboten. Denn deren zentrale Serie Umschläge (2011–2) widmet sich ebenso dem Verhältnis von Waffen und Geschlechterrollen – und bietet den Betrachtern eine für Pillers Werk selten große Möglichkeit zur Distanzierung. Umschläge besteht aus 30 Drucken, aus vergrößerten und von jeder Schrift bereinigten aufgeschlagenen Covern der Armeerundschau, dem Magazin der Nationalen Volks­armee der DDR. Das Heft erschien von 1956 bis 1990 und zeigte auf dem Titel wahlweise Soldaten, Waffen, Manöver oder gleich alles zusammen, auf der Rückseite in elegantes bis neckisches Zivil gekleidete Frauen, zumeist populäre Sängerinnen und Schauspielerinnen der ehemaligen DDR. Piller, der obsessive Archivar und soziologische Sortierer, hat diese Motive seiner über 300 Hefte umfassenden Sammlung entnommen. Die reproduzierten Konstellationen aus martialischen und femininen Posen wirken allesamt so, als hätte ein Bildredakteur – bewusst oder unbewusst, ernsthaft oder subversiv – nach Parallelen oder größtmöglichen Diskrepanzen von Farbe, Hintergrund und formalem Aufbau gesucht: So lehnt in Umschläge #12 links eine Bikinischönheit am Mast eines Segelboots, nebenan pflügt ein Militärboot durch die See; einmal ragt der Hals einer Gitarre neben einem Kanonenrohr auf (Umschläge #16), ein andermal hockt eine junge Frau im weißen Unschuldsrüschentraum neben drei düsteren Lederjackensoldaten mit Gewehr im Anschlag (Umschläge #29).

Nun ist Piller großartig darin, Medienbilder typologisch und thematisch zu ordnen und anhand lapidarer und sprechender Überschriften – wie Tanz vor Logo, Noch ist nichts zu sehen (Bauerwartungsflächen) oder In Löcher blicken (alle aus Archiv Peter Piller: ZEITUNG, 2000–6) – realsatirische Bürokratie, kleinbürgerliche Sehnsüchte und zeitgenössische Rituale des Privaten wie des institutionalisierten Öffentlichen vor Augen zu führen. Vieles davon ist auf unangenehme Weise vertraut – besonders aus einer (west-)deutschen Perspektive. Auf Pillers Bildern „das Andere“ zu entdecken, ist dagegen schwer. In Umschläge aber wird es plötzlich möglich – weil man durch eine historische und politische Distanz hindurch auf diese seltsame, ideologisch motivierte Konstruk­tion von Rollenbildern blickt, in der, wie die Wissenschaftlerin Christine Eifler anhand dieses NVA-Magazins herausgearbeitet hat, Männerkörper als unverletzlich, Frauen­körper als schutzbedürftig galten. Die latente Gefahr dieser Serie liegt darin, dass das Selbsterkenntnis stiftende Moment, das sich vor vielen Werken Pillers einstellt, hier zurückgewiesen wird, da eine Identifikation mit dem Abgebildeten aufgrund der zeit­lichen und gesellschaftlichen Entfernung nicht (mehr) möglich scheint. Dabei, und das zeigt der Ausflug ins gegenwärtige Kino zu Beginn, handelt es sich hier eben gerade nicht um längst überwundene, „exotische“ oder „verlachbare“ Rollenzuschreibungen.

Und so ist es gut, dass diesem sehr spektakulären Werk zwei weitere, nüchtern schwarzweiße Arbeiten beigegeben sind, die einen deutlich spröderen Piller mit seinem Blick für leise, unheimliche und enorm aufgeladene Orte zeigen: Immer Noch Sturm (2012) vereint vorgefundene Fotografien von Schlachtfeldern aus dem Ersten Weltkrieg, aus denen karge Baumruinen aufragen, mit dramatischen Meeresbildern aus einem historischen Lehrbuch, die sämtlich wie Momentaufnahmen aus einem menschenentleerten, wenn nicht gar menschenfeind­lichen Kosmos wirken. Weiß man um den Hintergrund dieser Bilder, werden sie in ihrer Zerstörtheit und Zerstörungsmacht letztendlich austauschbar. Was also ist Natur-, was Menschengewalt? Sehr viel überschaubarer sind die Dimensionen in Tatsächliche Vermutungen (2012), einer Folge von Dias, die menschenleere Außenaufnahmen – Szenerien von Verbrechen? – aus der weitgehend im Studio gedrehten Fernsehserie Der Kommissar (1969–76) zeigen. Es sind Orte, die keine besonderen Merkmale aufweisen, sondern allein durch ihre Herkunft aus Kriminalfilmen von einer gewissen Düsternis oder Rätselhaftigkeit geprägt sind. Im Gegensatz zu den offensiven Motiven in Umschlägen offenbart sich hier eine sehr subtile Form des Voyeurismus, eine Befragung weniger des Schauens als der Schauplätze. Peter Piller ist, das wird im Gesamten dieser Ausstellung deutlich, vor allem Sortierer, Ordnender, In-etwas-Sinn-Deutender, der eben nicht das Vordergründige, Spektakuläre sucht, sondern die Strukturen und Antriebskräfte, die sich hinter den Phänomenen und ihren Abbildern verbergen.

Ausgabe 8

First published in Ausgabe 8

Februar - März 2013

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