The Playground Project

Kunsthalle Zürich

Group Ludic, Blijdorp Park, Rotterdam, 1970. Im Auftrag von / Commission De Bijenkorf. Courtesy: Xavier de la Salle. 

Group Ludic, Blijdorp Park, Rotterdam, 1970. Im Auftrag von / Commission De Bijenkorf. Courtesy: Xavier de la Salle

Der Spielplatz ist das ungeliebte Kind der Architektur, der Kunst und der Stadtplanung: Niemand will für die Kosten aufkommen, selten werden Spielplätze anständig in Schuss gehalten, und wenn sie dann irgendwann der Planierraupe zum Opfer ­fallen, verschwinden sie auch gleich wieder aus dem Gedächtnis. Sie sind zwar Orte für architektonische und künstlerische ­Experimente – doch kaum ein Stadtplaner, ­Architekt oder Künstler macht wegen ihnen Karriere. Doch auch wenn über den Spielplatz als kulturelles Phänomen bislang wenig geforscht wurde, sollte man die Bedeutung seiner Geschichte als gesellschaftliches Projekt, das seine Existenz der Industrialisierung verdankt, nicht ­unterschätzen.

Die von Gabriele Burkhalter kuratierte Ausstellung „Playground Project“ erzählt eine kompakte, unweigerlich selektive Geschichte des Spielplatzes in Europa und den USA. Neben auf die Wand gedruckten ­Bilddokumenten mit informativen Texten sind herausragende Spielplatzprojekte als Nachbauten zu sehen, in denen Kinder in der Ausstellung spielen können. Für den Betrachter erzeugt das ein eher sonderbares Erlebnis, denn ein Großteil der Ausstellung besteht aus den Wandtexten, die der Besucher liest, während im Hintergrund die ­Kinder spielen. (Schon mal versucht, auf einem Spielplatz ein Buch zu lesen? Das Konzentrieren fällt nicht leicht.) Daniel Baumann, der Direktor der Kunsthalle Zürich, hatte 2013 schon einmal auf der von ihm kuratierten Carnegie International eine kleinere, ebenfalls von Burkhalter kuratierte Version gezeigt, nachdem er auf Burkhalters Forschungswebseite architekturfuerkinder.ch gestoßen war. 

Group Ludic, Playground for La Grande Delle, Hérouville-Saint-Clair (ZUP Ville Nouvelle), France, 1968. Courtesy: Xavier de la Salle.

Group Ludic, Playground for La Grande Delle, Hérouville-Saint-Clair (ZUP Ville Nouvelle), France, 1968. Courtesy: Xavier de la Salle

Burkhalters Geschichte des Spiel­platzes beginnt um 1900, als Immigration und Industrialisierung sich verheerend auf die Lebensbedingungen in den Städten ­aus­wirkten, wovon am schlimmsten die unbeauf­sichtigten Kinder der Arbeiterfa­milien betroffen waren. In den 1930er Jahren waren Spielplätze bereits weit verbreitet; sie wurden zum Sinnbild der sozialreforme­rischen ­Programme dieser Zeit, etwa des New Deal. Überall in den amerikanischen Innenstädten schossen nun die dringend gebrauchten Spielplätze aus dem Boden, die meist auf das Allernötigste reduziert waren: Park Commissioner Robert Moses gab in New York unzählige Spielplätze in Auftrag, die allerdings mit so unansehnlichen wie gefährlichen Materialien wie Asphalt und Stahlrohr gebaut wurden. Um die gleiche Zeit herum ersann der Architekt Carl Theodor Sørensen in Kopenhagen das Konzept des Skrammellegeplads, im Wesentlichen eine Kombination von Baustelle und Spielplatz, die die Kinder zum Spielen anregen sollte, indem ihnen alte Autos und Backsteine zur Verfügung gestellt wurden.

Fortschritte in der Kinderpsychologie förderten später das Konzept des freien Spiels und des kreativen Lernens. Mitte des 20. Jahrhunderts kam es zur Zusammenarbeit von Künstlern und Stadtplanern bei der Einrichtung von Spielplätzen; ihre Entwürfe wurden sogar im MoMA gezeigt. Zwischen 1933 und 1966 entwarf Isamu Noguchi Spiellandschaften für die Parks von New York. Zwar wurde keine davon gebaut, doch die Dokumentation der Planungen fand Eingang in die Sammlung des MoMA. Ab den 1960er Jahren wurden besonders in Europa Künstler durch Kunst-am-Bau-Programme in die Stadtplanung mit einbezogen und erhielten Aufträge, Innenhöfe und Spielplätze für Wohnsiedlungen zu gestalten. Der Zürcher Künstler Yvan Pestalozzi schuf 1972 den ­riesigen Lozziwurm, eine Plastikröhre mit Luken, durch die die Kinder hineinkrabbeln und herausschauen konnten; später wurde sie in Serie für mehr als 100 Spielplätze produziert. In der Kunsthalle war, zur Freude der Besucher mit Kindern, ein Lozziwurm ausgestellt. 

Group Ludic, Adventure playground Chalons-sur-Saône, Frankreich / France, 1973. Courtesy: Xavier de la Salle. 

Group Ludic, Adventure playground Chalons-sur-Saône, Frankreich / France, 1973. Courtesy: Xavier de la Salle

Nach den 1980er Jahren lässt sich am Spielplatzbau auch die zunehmende Durchökonomisierung und das Primat der Risikovermeidung ablesen. Heute ist der Spielplatz, zumindest im Westen, ein Ort, der die paradoxe Vorstellung vom behüteten Spielen verkörpert. Schon an den Materi­alien, die bei der Einrichtung von Spielplätzen verwendet werden, kommen historische ­Entwicklungen zum Ausdruck – Holz und Stahlrohr sind zunehmend durch sturzsicheren Hartschaum ersetzt, um Verletzungen zu  vermeiden. Hinzu kommt, dass Kinder, die mit Dingen wie Chinesisch lernen oder Kleinkindyoga ausgelastet sind, einfach weniger Zeit zum Spielen haben. Und wenn sie spielen, tun sie dies unter Aufsicht auf Spielplätzen, auf denen es keine Risiken mehr gibt – kein Sturz tut mehr weh, es gibt nichts, worüber man straucheln könnte. Ein wichtiger Teil des Großwerdens besteht, wie man weiß, darin, sich schmutzig zu machen, durch die Gegend zu stolpern und Risiken einzugehen, um so zu lernen, wie man sein Umfeld einschätzt, und um Selbstvertrauen zu entwickeln. Unsere aktuelle Herausforderung ist, meint Burkhalter, für die Kinder eine Balance zwischen Sicherheit, kreativen Spielräumen und Freiheit zu finden. Ihre Ausstellung präsentiert eine stringente Geschichte des Spielplatzes als experimentelle Verschränkung von Architektur, Kunst und Stadtplanung. Was man aber mitnimmt, ist eher die Erkenntnis, dass das Spielen der Kinder und damit die wohl freieste Form des Daseins, an die wir alle uns erinnern können, heute in hohem Maße ­vermittelt und reguliert ist – ein trauriges Vorzeichen, zumal für Erwachsene das ­Spielerische längst in einen Teil der Arbeit verwandelt worden ist.

Übersetzt von Michael Müller

Karen Archey is an art critic and Curator of Contemporary Art, Time-based Media at the Stedelijk Museum Amsterdam.

Issue 24

First published in Issue 24

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