Shoot the Messenger

Jan Verwoert über den Riss zwischen internationalem Kunstbetrieb und Lokalpolitik

View of Volksbühne, Berlin, 1995. Courtesy: Ullstein bild/P/F/H

View of Volksbühne, Berlin, 1995. Courtesy: Ullstein bild/P/F/H

Ich stehe im Kaufhof und studiere Rollkoffer, da schreit mich plötzlich jemand Wildfremdes an: „Du bist doch einer von denen, den Managern, den Schergen!“ Ich habe noch was von Kunst, Musik und keiner Kohle gestammelt. Zurück schallte nur: „Scherge, Scherge!“ Daraus gelernt habe ich: statt mit Rollkoffer mit Rucksack zu reisen. Statt zwischen Herr und Knecht unterscheidet man heute zwischen „uns“ und „denen“, den Schergen. Und ob auch aus deinen Zügen die Fratze des Kapitals glotzt, entscheiden „wir“, nicht du.

Als jüngst die Diskussion um den Intendantenwechsel an der Berliner Volksbühne wieder aufflammte, hatte ich die Szene wieder vor Augen und das Wort Scherge im Ohr. Nicht weil ich mich dem vom Direktorenposten an der Tate zur Volksbühne abberufenen Chris Dercon übermäßig verbunden fühlen würde. Ich kenne den Mann nicht persönlich. Aber mich wurmt schon allein die Sprache, mit der die Belegschaft der Bühne das, wofür er in ihren Augen steht, in einem offenen Brief benennt: „Dieser Wechsel steht für historische Nivellierung von Identität. Die künstlerische Verarbeitung gesellschaftlicher Konflikte wird zugunsten einer global verbreiteten Konsenskultur mit einheitlichen Darstellungs- und Verkaufsmustern verdrängt.“ Identität nivelliert? Von globaler Konsenskultur verdrängt? Hito Steyerl hat im Netz auf e-flux conversations dem Unbehagen gegenüber solchen Polarisierungen Ausdruck verliehen. Sie zollt der Notwendigkeit von Arbeitskämpfen größten Respekt. „Aber“, sagt sie, „viele globale Konflikte werden heute auf die platte Formel ‚metropolitane Eliten’ versus ‚einheimische Unterdrückte’ reduziert“. Das Ressentiment hat Geschichte. 1951 etwa, bemerkt sie, habe Hanns Eisler vom Neuen Deutschland zu hören bekommen, ein „heimatloser Kosmopolit“ solle in Berlin kein Theater machen. Für Steyerl führt diese Rhetorik in die Sackgasse. Ich finde, sie hat recht.

Es geht dabei nicht nur um Berlin. Die Euphorie der europäischen Öffnung der 1990er Jahre weicht derzeit vielerorts dem Verdacht, die Kinder einer Kunstwelt ohne Grenzen und eiserne Vorhänge seien Schergen einer geldverseuchten globalen Einheitskultur. Zur Zunft der Heimatlosen zählen Kurator­Innen, Intellektuelle und Künstler­Innen, die für Jobs und Projekte von Ort zu Ort ziehen. Marx nannte sie „Virtuosen“, Maurizio Lazzarato „umherschweifende Produzenten“. Wanderzauberer sind es, bewandert darin, Ideen aus dem Hut zu zaubern, Karren aus dem Dreck zu ziehen und Dinge ins Leben zu rufen. Diese Zunft bekommt nun zu spüren, dass die Stimmung in Europa kippt.

Als heimatloser Wanderer wirst du zwischen zwei Fronten aufgerieben: willkürlich handelnden lokalen Entscheidungsträgern einerseits und (von der Willkür) vergrätzten ortsansässigen Beschäftigten anderer­seits. Auf der einen Seite stehen Vorstände oder Kultursekretäre, die vom Alltag an den Häusern wenig wissen. Sie wollen ihre Sorge dafür, dass der Betrieb läuft, los sein und suchen jemanden mit dem internationalen Ruf, jeden Laden schmeißen zu können. Was das genau heißt, weiß keiner. Also fehlen jegliche Verbindlichkeiten. Dann bist du ruckzuck Kuratorin. Oder Institutsleiterin. Oder Intendant. Aber dein Dienstherr lässt dich ungedeckt ins offene Messer der Lokalpolitik laufen. Früher hieß das nur, dass ein Kunstvereinsvorstand Stimmung gegen die von ihm selbst eingestellte künstlerische Leitung machte. Heute wird sofort gefeuert. Als Tutor am Kuratorenkurs De Appel in Amsterdam habe ich das hautnah mitbekommen. Der neue Leiter des Ausstellungshauses und Kurses, Lorenzo Benedetti, wurde von jetzt auf gleich brüsk vor die Tür gesetzt (und in Pressemitteilungen vom holländischen Einwohner zum „italienischen Kurator“). Das Ganze lief ab, als jage ein Clubbesitzer den DJ mit den Worten vom Pult: „Was ist denn das für ’ne Musik? Wo ist der Bumms?!“ Offiziell hieß es, De Appel solle wie die Londoner Serpentine Gallery werden. Ich hab dem Vorstand, der sich mehrheitlich aus Amsterdamer Tourismuslobbyisten zusammensetzte, in die Augen geguckt und schwöre, länger als zwei Minuten war von denen nie einer in der Serpentine. 

Macht, die derart von aller Umsicht entkoppelt ist, „neoliberal“ zu nennen, wäre zu weit gegriffen. Sie ist schlicht banal, provinziell und dämlich. Die Kündigungen von Clementine Deliss am Weltkulturen-Museum in Frankfurt und von Mihnea Mircan am Extra-City in Antwerpen liefen ähnlich ab. Bart De Baere beschrieb das Muster in Metropolis M: „X ist ein hervor­ragender Kurator, aber…“ Anders gesagt: „Was wir wollen, wissen wir nicht, aber Sie sind’s auf keinen Fall. Ciao ciao.“ 

Hart genug, wenn städtische Potentaten kein Verhältnis zur Kunst haben, aber gern welche zum Vor­zeigen hätten. Härter, wenn sie zum Beispiel, wie im schwedischen Lund, die Schließung der Kunsthalle er­­wägen, um lieber etwas Kindgerechtes für Normalbürger anzubieten; oder in Warschau das Kulturministerium die dortige internationale Poster-Biennale ermahnt, endlich etwas über Nationalhelden zu machen.

Was tun, wenn du weißt, dass dich nichts schützt, nicht mal dein Ruf? Sie haben dich wegen deiner Zauberkräfte angeheuert. Also stellst du die vor Ort unter Beweis und legst dich richtig ins Zeug. Damit hast du aber im Nu die örtliche Belegschaft gegen dich. Alles, was sie von dir sehen, ist: Dieser Mensch macht Druck, kennt kein Maß und versaut uns den Akkord. Um diese Kernpunkte stellten Teile der ortsansässigen Kollegenschaft an der königlichen Kunstakademie in Stockholm anonym ein dickes Dossier hinterfotzigster Vorwürfe gegen die neuberufene Leiterin Marta Kuzma zusammen und schickten es an die lokale Presse (die skandalgeil ungeprüft abdruckte) und, bei ihrem Weggang, an ihren zukünftigen Arbeitgeber in Yale. Lange Messer. Scandinavian Noir. Wallander, bitte melden! 

Ich kann mein kleines Lied davon singen. Seit ich an der Osloer Akademie lehre, gibt mir mein lokaler Lieblingskollege bei Treffen mit stummen Blicken zu verstehen: „Du hast die Pest ins Dorf gebracht.“ Stimmt: die sichtbare Armut. Als Fremder unter Ölreichen hat mich das Leben in der nach Tokio teuersten Stadt der Welt so arm gemacht, dass ich nebenher rund um die Uhr knechte, um über Null zu bleiben. Ohne Mittel, es zu verbergen, steh’ ich als Ausländer vor den Einheimischen als groteske Verkörperung aller Übel der neuen Wirklichkeit da: kein Zuhause, kein Geld, keine Zeit, aggressiv, depressiv, explosiv. Und wer jetzt „selber schuld!“ sagt, dem spring ich ins Gesicht.

Die politische Botschaft? Schießt nicht auf die Boten! Sie haben keinen Ort, sich zu verstecken. Wenn sie zum Stadttor reinkommen, sieht jeder: Ihr Körper weist Symptome auf. Sind sie wohl Grund der Krankheit. Ab in die Pestbaracke! Isolieren statt solidarisieren. Wie im Mittelalter.

Dabei drängt eigentlich die Frage: Wo ist das politische Subjekt? Im Oberstübchen der Apparate ist scheinbar selten wer zu Hause. Hohle Worte und absurde Entscheidungen (Dercon? An die Volksbühne??) prägen das Bild. Einheimische fühlen sich entmachtet und reagieren mit Ressentiment. Wanderer zwischen den Welten laufen in die Leere. Manche agieren hilflos. Andere werden zu Monstern. Das moderne Klischee vom anmaßenden Kritiker wird zur Groteske vom Starkurator auf Powertrip. Beispiele kennt jeder. War’s das? Auf der politischen Bühne nur Zombies und kein frei handelndes Subjekt mehr in Sicht?

Als nach viel kollektivem Ziehen, Zerren und Ringen um die Rettung De Appels im Amsterdamer Rathaus ein Türchen aufging, und sich eine zusammengewürfelte Gruppe von Unterstützern einfand, fiel mir auf: Verdammt, Lebenserfahrung zählt. Sie verleiht Glaubwürdigkeit. Namen sind egal. Die im Rathaus kannten uns nicht, wir die nicht. Im Gespräch vermittelte sich aber: Hier leben welche für Ausbildung und Ausstellungmachen. Wir können den Laden nicht sterben lassen. So formulierte sich peu à peu politischer Wille. Wenn sich eine Tür öffnet. Wenn nicht, so geht’s mir in Norwegen, dann erfährst du, was es heißt, in einem reichen Land Ausländer zu sein: Du dachtest, du wärst da, um den Leuten etwas zu geben (was du vom Leben weißt). Sie denken, du bist gekommen, um ihnen etwas zu nehmen (was sie zum Leben haben). Das zeigen sie dir unterschwellig oder offen. Und in dir wächst der Hass. Ich sag’s euch. Politik beginnt mit Erfahrungsaustausch. In der Kunst und auf der Straße. Glücklich die Stadt, in der es diesen Austausch gibt.

Jan Verwoert ist Autor und Contributing Editor von frieze d/e und frieze. Er lebt in Oslo. Cookie! (2014), eine Auswahl seiner jüngsten Texte, ist bei Sternberg Press erschienen.

Issue 25

First published in Issue 25

Autumn 2016

Latest Magazines

frieze magazine

September 2019

frieze magazine

October 2019

frieze magazine

November - December 2019