Trust Communicator

 „Mehr Leben, mehr Ausdruck, mehr Unverständlichkeit“− Michaela Eichwald im Gespräch mit Pablo Larios 

Pablo LariosManche deiner Bilder sind nach Bekannten oder Freunden benannt (z. B. Huneke und Tämur oder Frank’s Heimsuchung, 2013 bzw. 2016). Andere Bilder tragen hermetische beziehungsweise eso­terische Andeutungen (Hermetic Order of the Golden Privation, 2016) oder geschichts­philosophische Verweise: Duns Scotus (2015). Wie stellst du dir das Publikum für diese Arbeiten vor? Für wen machst du diese Bilder? Und: Ist Malen etwas, das man im Privaten macht oder in der Öffentlichkeit? 

Michaela EichwaldHuneke und Tämur sind zentral, aber dass ich Bilder nach Freunden benenne, ist eher die Ausnahme. Nur diese drei – Frank bin ich selbst. Das ist mein Wiedertäufername, den ich vor fünf Jahren in München angenommen habe. Herme­tisch und esoterisch ist etwas ja nur solange, wie man sich nicht damit beschäftigt. Danach tritt alles sofort zutage. Siehe auch: Nicht alles dazu sagen. Selber erkennen ist viel schöner. Malen tue ich nicht in der Öffentlichkeit; und ich mache diese Bilder für jeden, der will.

Keine Tradition, 2016 oil, tempera, graphite and varnish on pleather 2.9 × 1.35 m. Courtesy: the artist and Silberkuppe, Berlin

Keine Tradition, 2016 oil, tempera, graphite and varnish on pleather 2.9 × 1.35 m. Courtesy: the artist and Silberkuppe, Berlin

PlDer lateinische Ausdruck cui bono – „Wem nutzt es?“ – fand sich im Titel deiner letztjährigen Ausstellung bei Overuin & Co, Los Angeles: „Quo vadis gnothi sauton und cui bono?“. Könnte man das auch auf die Malerei beziehen? Die Malerei setzt sich schon lange immer wieder mit ihrer eigenen scheinbaren Überflüssigkeit und Redundanz auseinander. Gibt es deiner Meinung nach zu viel Kunst? Und wenn ja, wozu also Malen – cui bono?

MEDas cui bono ist grundsätzlich interessant und die Probleme der Malerei sind endlos schön und unerschöpflich. Ich empfinde eher andere Kunsttechniken als tendenziell langweilig und überflüssig. In dieser leicht beknackten lateinisch-griechisch-lateinischen Abfolge soll das ungefähr heißen: Wohin gehst du, Selbsterkenntnis, Werk­erkenntnis, Selbstreflexion, Werkreflexion? Und wem oder was nützt es letztlich, dass du dich mit den Problemen des Ichs – Ich als Fall, Ich als Material – und den Aufgaben, Ab­­sich­ten, den Rechtfertigungen des Tuns usw. herumschlägst, dir dauernd tierisch einen abquälst? Ist vielleicht diese Quälerei, Klemme, Negation und absichtsvolle Bredouillen-Bildung auch schon zu einer Art Selbstzweck verkommen, ist sie etwas Unangemessenes, das nur noch mit sich selber kämpft und mir vielleicht als Ausweis meiner Rechtschaffenheit dienen soll? Was wirft das denn ab? Ist das überhaupt interessant? Und für wen? 

PlMüssen das nicht die Betrachter entscheiden?

MEWie aber soll ich das ermessen, wenn entweder gelobt oder geschwiegen wird? Da ist die Frage, was das, was man macht, im schönsten Fall bedeuten kann; wie das idealer­weise ungefähr aussehen soll – was welche Effekte zeitigt; und ob ich da überhaupt viel ausrichten und beeinflussen kann. Muss ich das nicht sowieso komplett beim Anderen lassen? Weil sich ein Gefühl von Evidenz oder Epiphanie nicht erzeugen lässt. Es stellt sich ein – oder eben nicht. Ich hoffe natürlich immer, dass durch diese Selbst­befragung, Geißelung und Triezerei, dass etwas eben noch nicht gut genug ist, bessere Ergebnisse zustande kommen. Das kann aber nur passieren, wenn Spannung und Gespanntheit echt sind und nicht auf Eingeübtes zurückgegriffen wird. Keine Ahnung. 

PlMich interessiert ja auch dein Blog uhutrust.com, auf dem du Alltagsbeobachtungen mit kritischen Bemerkungen über Kunst kombinierst. Woher kommt der Name „Uhutrust“ eigentlich?

MEDas war eine Zeit lang mein Computer-Passwort. Auf meinem ersten Modem stand „Trust Communicator“. „Uhu, das Krafttier“ erschien mir, als ich 1999 nach einer Bandscheibenoperation im Hessischen Staatsbad Schlangenbad mehr oder weniger gezwungen war, an einer der von den dortigen Verhaltenstherapeuten angebotenen „geführten Medita­tionen“ oder „Psychoreisen mit Musik“ teilzunehmen. Obwohl voller Widerwillen gegen das ganze Setting, verfing das ziemlich gut bei mir. Wir sollten an einer bestimmten Stelle der Geschichte – „ein Weg tief in den Wald hinein, da, plötzlich eine Lichtung!“ – visualisieren, welches Tier uns auf der Lichtung entgegentritt. Das sei dann unser Krafttier. Da schaute mich der riesige Uhu aus seinen gelben Augen an und sprach: „Hab keine Angst mehr. Oder jedenfalls nicht mehr so viel.“ 

PlAngst vor was? 

MEAngst vor dem Leben. Angst vor den Menschen. Angst, tun zu müssen, was man nicht will. Besessen von Fluchtgedanken.

PlEin Blog – und vielleicht gilt das ja auch für Kunst – ist ein Format, in dem man sich zeigen kann, aber dank einer gewissen Anonymität auch geschützt ist. Man kann sich beteiligen, ohne sich auf andere Verpflichtungen einlassen zu müssen. Ist diese Art des Zeigens nicht auch eine Form von Flucht? 

MEDer Uhutrust ist 2006 aus der Notlage heraus entstanden, die sogenannte „Arbeit“ bekannter machen zu wollen, ohne sich direkt persönlich anbiedern zu müssen. Einen diskreten Ort zu schaffen, zu dem man hingehen kann und auch wieder weg, ohne guten Tag und auf Wiedersehen zu sagen, oder sich entschuldigen zu müssen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, die richtige Form zu finden und den richtigen Ton zu treffen, schrieb der Blog sich eigentlich bald von selbst, besonders in den Jahren 2007 bis 2011. Alleine Irren [Monika Rinck, Anmerkung der Redaktion] hatte mich letztens in Nürnberg auf Kerstin Stakemeiers „Konsequenz“-Kongress gehänselt wegen dieser Aussage und sagte, sinngemäß, dass derjenige, der meint, seinen Ton und seine Stimme gefunden zu haben, sich doch eigentlich gleich einsargen lassen könnte. Da hat sie natürlich recht. Der Uhutrust hat Lähmungserscheinungen und leidet unter dem Gefühl, alles schon – und auch schon besser – gesagt zu haben. Darüber ist er hilflos und weinerlich geworden. Das muss man nicht verstecken, aber das ist auf Dauer natürlich kein erstrebenswerter Ausdruck. Im letzten Jahr gab es zu wenig Impulse zur Entwicklung und zum Wachstum, zu wenig Sinn, zu viel schlechte Laune. Außerdem bin ich ein bisschen krank geworden und musste mich damit beschäftigen. Mit Lebenssinn allgemein, speziell meinem. Meinen Zielen im Leben.

‘Absolution’, 2016 installation view Silberkuppe, Berlin. Courtesy: the artist and Silberkuppe Berlin

‘Absolution’, 2016 installation view Silberkuppe, Berlin. Courtesy: the artist and Silberkuppe Berlin

PlIn einigen deiner Arbeiten beziehst du dich auf Phänomene wie die Webseite Contemporary Art Daily oder den sogenannten Zombieformalismus, in deiner Ausstellung „Knotti Times“ 2013 bei Silberkuppe beispielsweise. Warum diese Referenzen? 

MEIch bin leider internetabhängig, lese diese Sachen rauf und runter, eigentlich noch mehr Zeitung, Berichterstattung, Reportagen. Ich freue mich an Sprache und Gedanken, falls sie vorkommen. Mich interessiert die Auseinandersetzung. Meistens sind die Leute zu feige oder verklemmt, sich direkt und offen zu verhalten. Wenn man „erfolgreicher“ wird, werden die Leute leider noch netter und blöder. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob sie sich wirklich verstellen oder nicht anders können. Nicht tiefer involviert sein können oder wollen. Wahrscheinlich stellen sich viele Leute grundsätzliche Fragen gar nicht, es macht ihnen keinen Spaß, es hält ja auch nur auf. Sie sind an der Reibungslosig­keit der Abläufe interessiert, und daran, sich gegenseitig Komplimente zu machen. Ich hatte mir Erfolg jedenfalls schöner vorgestellt. Manchmal wünscht man sich ein Gegengewicht. 

PlWas wäre denn so ein Gegengewicht? 

MEIch weiß nicht. Mehr Unabgesichertes versuchsweise äußern. Mehr Leben, mehr Ausdruck, mehr Unverständlichkeit. Nicht „I love your work“, „it’s amazing“, „great“, „exiting“. Wirkliche Liebe, mehr Tiefe. Mehr tiefere Liebe! Andere Leute, andere Herkünfte, schöneres Lachen. 

PlIch denke, dass sich viele heute fragen, ob dieses Modell des Gegengewichts je existiert hat. Ob es diese Kritik, von der du sprichst, überhaupt gegeben hat. Wie war das denn mit der Kritik früher? Man kol­portiert ja all diese Mythen über die Kunstszene in Köln, in der du ja auch unterwegs warst, und ihren harschen Kritikton.

MEDen Köln-Mythos erzählt ja jeder aus seiner Perspektive. Viele, die heute glauben, sie hätten das sicher ganz doll gefunden, wären damals wahrscheinlich schreiend weggerannt. Oder sofort nach Hause geschickt worden. Ich hatte Glück (verdientes). Aus meiner Sicht war das eine sehr gute polymorph-perverse Schule mit vielen originären Lehrern, in der ich lernen und erleben konnte, was ich wissen wollte. In einer direkten, leiblichen Weise. Wenn es mir da zu viel wurde, zuviel Psychoterror, bin ich auf meine andere Schule ausgewichen, die Universität. Dort frönte ich meinem Star, Professor Janssen (von weitem). 

Tämur, 2016 acrylic and varnish on pleather 2.9 × 1.35 m. Courtesy: the artist and Silberkuppe, Berlin

Tämur, 2016 acrylic and varnish on pleather 2.9 × 1.35 m. Courtesy: the artist and Silberkuppe, Berlin

PlMancher deiner Bilder verweisen in den Titeln auf die Realitäten eines Künstlerlebens, Knotti Times II. The Artist in her mid-forties (2013) beispielsweise. Andere wie Keine Narration (2016) oder Keine Tradition (2016) auf die Geschichte der Malerei. Wie entstehen deine Arbeiten? Gäbe es Kunst ohne eine sogenannte „Kunstwelt“? Ohne Kunstgeschichte? 

MEJa – aber eine andere. Ich möchte mit Worten wie „Kunstwelt“ gar nicht umgehen müssen. Da denke ich an Christian Boros, Hans Ulrich Obrist, Julia Stoschek, Nina Pohl. Ich glaube, es gibt hundert „Kunstwelten“ und noch mehr „art worlds“. Andere Milieus interessieren mich ungefähr zehntausendmal mehr. Wir können ein andermal darüber reden, wie die sogenannten Arbeiten entstehen. 

PlIch frage nur nach der Kunstwelt, da es in vielen der Diskussionen um die Malerei heute um das Verhältnis zwischen abstrakter Malerei geht und dem, was man das „soziale Netzwerk“ nennen könnte. Womit wir bei der Kultur permanenter Affirmation wären – „I like it“ und so weiter. Denn das ist eine Atmosphäre, in der man Angst hat, etwas zu kritisieren. 

MESoziales Netzwerk! Schon wieder so ein Ekel-Wort. Angst wovor?

PlWovor? Wenn es sich bei der Kunst am Ende um ein bestimmtes soziales Netzwerk handelt, in das man eingebettet ist, dann hieße Kritik am Netzwerk auch automatisch Kritik an der Kunst. 

MEKritik ist ja kein Problem, sondern wertbildend.

PlAber sie ist dann ja vor allem ein Akt der Selbstkritik.

MEJa, gut!

PlWas kommt jetzt? Was kommt nach der „Absolution“, wie du jüngst eine Ausstellung genannt hast?

MEJa, was soll kommen? Ich bin ein bißchen enttäuscht von der Zukunft und habe angesichts der Lage keine große Hoffnung. Ich weiß nicht, wie groß der persönliche Anteil an dieser Einschätzung ist, das eigene Leid, und wie viel man der Situation anhängen könnte. Sache verschärfen. Aber ich weiß noch nicht, wie.

PlWas hieße das denn, dieses persönliche Gefühl der Frustration der Situation anzurechnen? 

MEIch meine, dass natürlich mit der gegenwärtigen Lage – die der nervenden, zu vielen, quasi entwerteten Kunst, den Horden von öden, ehrgeizigen Künstlern, die bestenfalls Designer oder Projektemacher sind, ein bißchen reden können und Geld haben, rumzufahren – irgendwie angemessen um­ge­gangen werden muss. Vielleicht auch, indem man sich überhaupt nicht auf sie bezieht.

Zuviel ansage, 2011, diverse materials in resin, lacquer, metal, 60 × 32 × 36 cm. Courtesy: the artist and Silberkuppe, Berlin

Zuviel ansage, 2011, diverse materials in resin, lacquer, metal, 60 × 32 × 36 cm. Courtesy: the artist and Silberkuppe, Berlin

PlHeute gibt es aber auch einfach den Druck, irgendwie kreativ sein zu müssen – und der Künstler ist halt das Idealbild des Kreativen. Jeder will heutzutage Künstler werden. Ist das Künstler-Sein also tatsächlich ein Beruf geworden?

MEBeruf wäre in Ordnung. Ein unat­trak­tiver Beruf für Aliens und solche, die es werden wollen.

PlAber was wäre denn die Alternative, wenn alles so düster aussieht? Einfach ganz allein zu sein? 

MEDreimal nein.

Michaela Eichwald ist Künstlerin. Sie lebt in Berlin. Letzte Einzelausstellungen: „Quo vadis gnothi sauton und cui bono?“ bei Overduin und Co., Los Angeles, und „Absolution“ bei Silberkuppe, Berlin. 

Pablo Larios ist leitender Redakteur von frieze. Er lebt in Berlin.

Issue 25

First published in Issue 25

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