Undisturbed Solitude

Kunsthaus Hamburg, Germany

Flora Klein, Gewächshaus, 2016, aluminium and glass, 2 x 2.2 x 3 m. All images courtesy: Kunsthaus Hamburg; all photographs: Hayo Haye

Flora Klein, Gewächshaus, 2016, aluminium and glass, 2 x 2.2 x 3 m. All images courtesy: Kunsthaus Hamburg; all photographs: Hayo Haye

Man kann es niemandem verdenken, wenn er im Foyer des Kunsthauses Hamburg steht und meint, er habe statt einer Kunstinsti­tution ein Gartencenter betreten. Ein leeres Treibhaus (Flora Klein, Gewächshaus, 2016) steht links neben dem Kassentresen, und aus dem großen Saal hört man leise Wasser plätschern. Drinnen entpuppt sich die Quelle dieser Geräusche als ein Ensemble aus drei Brunnen, die in einem flachen, rechteckigen, mit schwarzer Plastikfolie ausgeschlagenen Becken stehen. Diese Fontänen (2016) von Johannes Willi und Emil Michael Klein bestehen aus Stapeln von „Schwimmnudeln“, die mit einer runden Kupferplatte abgedeckt sind, aus der das Wasser austritt. Beim Anblick dieser farbenfrohen Schwimmhilfen denkt man unweigerlich an die ganz ­Jungen oder – wie jeder weiß, der mal bei einer Aqua-Fitness-Stunde war – an die ganz Alten. Aus den Brunnen ragen Bambus­stäbe, an denen grob geformte Tonhände angebracht sind. Zwischen den Fingern klemmt eine Zigarette. 

Johannes Willi, Fontänen​, 2016, installation view

Johannes Willi, Fontänen, 2016, installation view

Die von diesen Werken aufgerufenen Assoziationen zu Entspannung und Erholung liefern eine passende Einführung zu einer Ausstellung, die darauf abzielt, „eine Übung“ zu sein, wie es im ersten Satz der Presseinformation heißt, „die darin besteht, vor Ort eine Situation zu konstruieren, … in der aber trotzdem nicht das ‚Gefühl‘ einer Ausstellung entsteht.“ Dies ist nicht die ­einzige Behauptung, die sich im Begleitmaterial zur Ausstellung findet. Kuratorin Chus ­Martínez hat bewusst vermieden, ein übergreifendes Thema zu definieren, und stellt deshalb eher abstrakte Verbindungen zwischen den vier gezeigten Schweizer Künstlern in den Vordergrund. So verweist sie auf die Bedeutung von Kunstwerken, die „verschmelzen“, sich „vermischen“, „sich durchdringen“. Am deutlichsten sieht man das bei den Fontänen, die nicht nur physisch sehr präsent sind, sondern auch eine auditive Dimension haben. Wie aber die geome­trischen Wandskulpturen von Emil Michael Klein (Untitled, 2008 und 2016), die zu beiden Seiten der Brunneninstallation hängen, für eine „Abkehr von der Form“ stehen sollen, erschließt sich mir beim besten Willen nicht – mir scheinen sie eher bemerkenswert selbstreferenziell und in sich geschlossen.

Emil Michael Klein, Untitled, 2016, oil and acrylic on wood, 144 x 104 x 23 cm. All images courtesy: Kunsthaus Hamburg; all photographs: Hayo Haye

Emil Michael Klein, Untitled, 2016, oil and acrylic on wood, 144 x 104 x 23 cm

Für Martínez ist mit dem Postulat der „Un-Form“ ein gesellschaftliches Anliegen verbunden. Im Sinne der üblichen Argumentation, dass „unsere Kinder die Zukunft sind“, ermuntert sie uns (polemisch), uns von der Vorstellung zu lösen, dass es immer nur die globale Mittelklasse ist, für die Kunst geschaffen wird. Als Ersatz regt Martínez an, Strukturen – etwa labor- oder campusartige Einrichtungen – zu schaffen, in denen Künstler und „kulturelle Akteure“ ohne linearen „Konsens über eine Aktivität und ihre Rezeption“ zusammenarbeiten können. Man mag das in Tiphanie Malls stummem HD-Video Untitled (2014) erkennen: Eine Gruppe von Schulmädchen im Teenageralter übt in einem von Mall selbst mitorganisierten und in hypnotisch langsamer Zeitlupe aufge­nommen Workshop tänzerische Bewegungsabläufe. Der Ausdruck ihrer Gesichter schwankt zwischen Konzentration und Freude – im deutlichen Kontrast zu Malls zweitem Stück (ebenfalls Untitled, 2014), bei dem die Protagonisten über die gesamten neun Minuten des Films kein einziges Mal lächeln. Die Aufnahmen sind in und vor Einkaufs­zentren entstanden, wie man sie aus jeder Stadt kennt, und die gezeigten Männer und Frauen tragen die Uniform der über 50-­Jährigen: anständige Lederschuhe, Stoffhosen und Steppjacken. Von beiden Stummfilmen geht eine sonderbare Faszination aus, gerade, wenn man sie bei dem entspannenden Geplätscher im Hintergrund sieht. In der Zusammenschau kommt man kaum umhin, einen wenig schmeichelhaften ­Vergleich zwischen den fröhlichen, körperlich fitten Teenagern einerseits und den ­Senioren andererseits zu ziehen.

'Undisturbed Solitude', 2016, exhibition view

'Undisturbed Solitude', 2016, exhibition view

An der anderen Seite der Wand zeigt Mall eine Reihe von kleinen Bildschirmen, auf denen jeweils mehr als sieben Stunden lange Aufnahmen von Erdbeerpflanzen ­laufen. Die Serie greift nicht nur die in Gewächshaus (auch in der Benennung) ein­geführte Metaphorik des Wachsens auf, sie lässt die in unmittelbarer Nachbarschaft gehängten, an sich weitgehend abstrakten Gemälde Kleins fast schon wie Blattwerk und Äste erscheinen. Viele der gezeigten Werke arbeiten so zusammen. Martínez beschreibt das mit dem Begriff der mixtio (lat. für „Mischung“) – es ist aber auch schlicht das Kennzeichen einer sorgfältig kuratierten Gruppenausstellung.

Tiphanie Mall, Erdbeere, 2014/16, video still

Tiphanie Mall, Erdbeere, 2014/16, video still

„Undisturbed Solitude“ wirft etliche große Fragen auf, viele davon werden zum Teil auch beantwortet, und indem die Ausstellung auf einen Mix an Formen setzt, gelingt es ihr, die Kombination der Arbeiten in einen Zusammenhang zu bringen, ohne eine einzige konzeptionelle Klammer anbieten zu müssen. Am Ende kommt die Aus­stellung bei allen hohen Ambitionen dann aber doch nicht umhin, eben auch eine ­Präsentation von vier „jungen“ „Schweizer“ Künstlern zu sein – an einem Ort allerdings, an dem man sich gerne aufhält, wie bei einem Besuch im Park oder an einem ­Nachmittag im nächsten Gartencenter. 

Übersetzt von Michael Müller

Chloe Stead is a writer and critic based in Berlin.

Issue 24

First published in Issue 24

Summer 2016

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