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The Westphalian Caliphate

Millennial-Terror und die Anschläge in Brüssel: ein Tagebuch

Deanna Havas at Villa Empain, Brussels, 2016. Courtesy: Asad Raza. 

Deanna Havas at Villa Empain, Brussels, 2016. Courtesy: Asad Raza

Auftakt 2016: Militärische und nichtstaatliche Akteure laufen mit Sturmhauben herum. Alle anderen verwenden Apps, um ihre Gesichter mit irgendwelchen banalen Objekten zu verschmelzen – oft Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung. Nach dem Aufkommen der Front­kameras in Smartphones und den folgenden Selfie-Wellen hat sich der moderne Marsch zu immer größerer Individualisierung unweigerlich ­totgelaufen. Im März war ich während eines Gastaufenthalts in Brüssel, dem Herzen des Projekts Europa und dem Sitz des NATO-Hauptquartiers, unwillentlich Zeugin, wie die Über­lebensfähigkeit beider getestet wurde. Ich saß fest im Auge eines supra­nationalen Monstersturms, und wie das bei Millennials so üblich ist, sollte diese Erfahrung mich am Ende in direkte Konfrontation bringen mit … mir selbst.

Die Villa Empain am Rand des Bois de la Cambre, etwas außerhalb von Ixelles, einem zentrumsnahen Vorort von Brüssel, ist weit weg vom Haus meiner Mutter in Harlem, wo mir mein altes Mädchenzimmer als voll gestelltes Wohnatelier dient. Als Stipendiatin des neuen Programms „L’Habitation“ bot mir der Gastaufenthalt eine mehr als willkommene Abwechslung von New York, wo das überqualifizierte Arbeitskräfte-Potenzial in praktischen Boxen zwischengelagert wird. Hier konnte ich mal für eine Weile meine Beine in den ehrwürdigen Gemäuern der Villa ausstrecken. Sie war ursprünglich für den Sohn des Barons Édouard Empain – des belgisch-kongolesischen Industriellen, dem Paris seine Metro ­verdankt – entworfen worden. Empain gab das Projekt schließlich auf und übereignete die Villa als Museum für zeitgenössische und angewandte Kunst dem belgischen Staat. In der Besatzungszeit war sie ein Gestapo-Gefängnis, dann ­sowjetische Botschaft und zuletzt ein Studio des belgischen Fernsehens, bevor sie in den 1990er Jahren von Hausbesetzern bewohnt wurde. Rund ein Jahrzehnt später restaurierte die Boghossian Foundation, meine Gastgeberin, die Villa, um daraus „ein Zentrum für Kunst und den Dialog zwischen den Kulturen des Ostens und des Westens zu machen, […] von gemeinsamen ­Emotionen und des Staunens, das allen offensteht“. Ach, könnten doch nur die Gespenster der Vergangenheit sich angewöhnen, ebenso nett miteinander zu spielen!

Wie Deogen, das Gespenst, das draußen im Bois de la Cambre umgehen und kleine Kinder fressen soll, kümmerten sich diese Phantome herzlich wenig um die Künstler und Kuratoren, die mit mir in der Villa lebten. Doch nach den Atten­taten von Paris im November 2015 und den anschließenden erfolglosen Antiterror-Razzien in der Region wurde die Atmosphäre in Brüssel immer aufgeladener, zumal, nachdem sie Salah Abdeslam, den zum Terrorpaten mutierten angeblichen „Stricher“ aus Molenbeek, gefasst hatten. Die Festnahme Abdeslams schien auch in unserem Anwesen einige seltsame Vorkommnisse auszulösen. Ein spontan veranstalteter „Radler-Rave“ breitete sich im Wäldchen aus, was dazu führte, dass unaufhörlich und immer wieder Drake und ABBA aus Lausprechern dröhnen. Die ­Tinder-Dates von einigen der Mädchen im Haus sollten eigentlich „nette Jungs“ sein, entpuppten sich dann aber als unleidige Sadomasochisten. Unheimliche Talismane vom Flohmarkt um die Ecke ließen Böses ahnen. Spät am Abend schreckten entfernte Schüsse einige von uns aus dem Schlaf, und es war noch zu früh, als dass es schon die Proben für das jährliche Re-Enactment der Schlacht von Waterloo hätten sein können. Ungeachtet der zunehmenden Unruhe versuchte ich pflichtschuldig die Fristen für die nächsten Ausstellungen im Blick zu behalten und schob lange Schichten im Atelier.

22. März. Meine amerikanische Mitstipendiatin Sahra Motalebi weckt mich, als die ersten Berichte über Terroranschläge kommen; sie versichert, dass alle, die wir kennen, in Sicherheit sind. Noch halb im Schlaf blicke ich auf mein Handy: Selbstmordattentate am Flughafen und in der U-Bahn. Ich schaue einen als Augenzeugenvideo gestylten Clip an, aber vor meinem ersten Kaffee kriege ich das nicht auf die Reihe. Meiner Mutter schicke ich eine SMS, um sie prophylaktisch davor zu bewahren, komplett auszuflippen, wenn sie die Nachrichten hört. Dann schlafe ich wieder ein. Ich träume, wie die Villa belagert wird: Terroristen dringen mit Brechstangen durch die Fenster ein, und ich bin mit den anderen Bewohnern auf der Flucht. Der ­Stipendien-Koordinator ist verwundet und regt sich über die Zerstörungen an der Villa auf. Ich registriere seine unerschütterliche Hingabe und seine heroische Leidenschaft, und dann werden wir in eine Wohnung gebracht, wo wir fernsehen. Dann komme ich langsam zu mir. 

In meinem Camouflage-Pyjama gehe ich in den Aufenthaltsraum, wo Sahra mit der Kuratorin Nicola Lees zusammensitzt. Sie verfolgen die aktuellen Meldungen auf ihren Handys und Laptops. Ich versuche, den Traum zu erzählen, und fingere nach einer aromatisierten Nespresso-Kapsel, um mich für den langen Tag fit zu machen. Mariana Tellerina kommt zu uns in unseren provisorischen Befehlsstand, und da löst unsere Künstlerkollegin Janine Harrington fast schon eine Panik aus: Lebend, aber nicht ganz bei sich, war sie mit ihrem Französischkurs im Zentrum nur wenige Blocks vom Tatort an der Metrostation Maalbeek evakuiert worden. Da fällt mir ein, dass Asad Raza, der Künstlerische Leiter der Villa, der mich das erste Mal nach Brüssel eingeladen hatte, heute aus Australien zurück in die Stadt fliegen sollte. Auf Facebook werde ich zum „Safety Check“ ­aufgefordert: ein Feature, das ich mit neuer Begeisterung nutze. Belgien ergreift weitere Maßnahmen und schließt alle Landesgrenzen. Der öffentliche Personenverkehr kommt zum Erliegen. Ich ergreife meine Frühstückswaffel, nage unermüdlich an dem gebackenen Teiggitter herum und lasse mich von dem Fakten­gebrumm auf BBC einlullen.

Am späten Nachmittag ruft ­Belgien die höchste Terrorwarnstufe aus. Die Terroranschläge, die schlimmsten in der Geschichte des Landes, wurden weltweit schnell zu einer Topmeldung, die den üblichen Schauer an Gedankensplittern ­auslösten von Nutzern, die mal eben zu geopolitischen Experten geworden waren, dazu noch ein paar ­solidarische Zeichnungen von Anteil nehmenden Kreativen. Die hoch­notpeinlichen Profilbilder mit ­Flaggen-Overlay (die bei den Pariser Anschlägen bedauerlicherweise ­aufgekommen waren) blieben uns, zur allgemeinen Erleichterung, ­dieses Mal erspart. Beim Scrollen fiel mir irgendeine Facebook-Freundin auf, die, ebenfalls in Belgien, über 200 Likes für ihren „Safety Check“ eingestrichen hatte; bei mir waren es gerade mal um die 30. Lag das vielleicht an der sülzigen Story, die sie mit ihrem Check zum Besten gegeben hatte? Oder ist es den Leuten einfach egal, dass ich nicht umgekommen bin? Da ist mein Ego schon ein bisschen angekratzt, und so fange ich an, im Kopf eine Liste der fehlenden Rückmeldungen aufzustellen – von Leuten, die sich eigentlich schon mal hätten melden sollen. Na ja, kein einziger meiner Ex-Freunde hat daran gedacht, mich zu kontaktieren. Und der Typ aus der Rüstungsbranche, der zu Hause dauernd anruft, um mir was über seine Gefühle vorzujammern … wo ist der eigentlich heute?

Am Ende tauchen am Bildschirmrand doch noch einige meiner aktuellen Favoriten auf. Ich gefalle mir in der Vorstellung, dass süße Jungs froh sind, dass ich noch lebe. Derweil bekommen ein paar von den Mädels im Haus Schwanzbilder geschickt – Antworten auf entsprechende Aufrufe. Wie schon jene Brüsseler Polizisten, die – wie die New York Times Ende letzten Jahres berichtete – während ihrer Suche nach den Attentätern von Paris eine Orgie veranstaltet hatten, schien auch diesmal das Gefühl virtualisierten Aufruhrs die Leute in ähnliche Stimmung zu versetzen. Mitten in der nekropolitischen Realität der Situation verbringe ich den Rest des Abends damit, dafür zu sorgen, dass „die Terroristen nicht siegen“: Ich spiele ein paar Runden Call of Duty: Black Ops (2010) auf französischen Servern.

Am nächsten Morgen tauchen in den Nachrichten die ersten Bilder der Terrorverdächtigen Ibrahim und Khalid El Bakraoui, Najim Laachraoui und Mohamed Abrini auf, wobei der herausgeputzte Abrini – beiges Hütchen, passende Jacke – noch auf freiem Fuß ist. Bei einer Razzia werden eine weitere Nagelbombe und eine IS-Fahne entdeckt, allerdings erst, nachdem der IS ohnehin schon die Verantwortung für die Anschläge übernommen hat. Kurioserweise wurden die Anschläge von ­Al-Qaida über Twitter verurteilt. Vielleicht ist deren Stil anspruchsvoller in der Symbolik als die Anschläge der belgischen und franzö­sischen Terroristen, von denen die meisten als radikalisierte Mittel­klasse-Millennials mit einer Vor­liebe für Heroin und Marihuana beschrieben werden. Den Angriffen in der U-Bahnstation Maalbeek und im Brüsseler Flughafen fehlen der ­symbolische Gehalt und die penible Vorbereitung von Al-Qaida-Aktionen. Sie hatten aber auch nicht den „Furcht-und-Schrecken-Effekt“ der IS-Kampagnen im Nahen Osten mit den skrupellosen Enthauptungen, Kreuzigungen und den schrillen Bildschirmeinblendungen, die vor allem unterstreichen, wie unabdingbar der Medienapparat für ihre ­Operationen ist. Die Anschläge in Brüssel hatten eher das Format von amerikanischen Massakern: In ihrer simplen Planung und Ausführung erinnerten sie an die handgestrickten, reaktionären Gewaltakte von Terroristen bei uns zu Hause. In deut­lichem Kontrast zur berechnenden Zurückhaltung und der abgeklärten Gewissheit, die von Mohammed Attas letzten Tagen überliefert sind, schildert Ibrahim El Bakraoui in der auf ­seinem Computer gefundenen, verängstigten Abschiedsbotschaft, wie er „total gestresst“ ist und sich vor dem Jenseits fürchtet. Das konnte ich absolut nachvollziehen. 

Am 25. März ist ein „Marsch gegen die Angst“ angesetzt. Wegen Sicherheitsbedenken versuchen die Behörden, den Marsch zu verschieben – tragen aber ansonsten wenig dazu bei, der in Angst und Schrecken ­versetzten Bevölkerung ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Die Stadt, die Gegenstand unzähliger politischer Schuldzuweisungen ist, konzentriert sich ganz darauf, in den angrenzenden Stadtvierteln weitere Razzien durchzuführen. Sahra und ich schauen uns Aufnahmen an, die den mutmaßlichen Selbstmordattentäter zeigen, der in Schaerbeek ­angeschossen und festgenommen wurde: Der Verdächtige windet sich hilflos an einer Straßenbahnhaltestelle auf dem Boden wie ein erstickender Oktopus. Er ist am Bein getroffen, hält aber krampfhaft ein verdächtiges Paket fest. Langsam kommt ein Roboter zur Bombenentschärfung heran, und die ohnehin schon skurrile Szene wirkt jetzt wie ein Clip aus der Zeichentrickserie Futurama.

Auf der Place da la Bourse, an der Börse im Zentrum Brüssels, ­entwickelt sich ein Gedenkort für die Opfer der Anschläge. Ich finde das auf schräge Weise angemessen, denn Terrorismus ist untrennbar mit dem Kapitalismus der liberalen Demo­kratien verbunden, ein Umstand, der bei uns in den USA weit weniger zur Kenntnis genommen wird, wo man ihn eher wie ein isoliertes Phänomen diskutiert: Tatsächlich sind wir alle seine Opfer. Eine dicke Schicht aus Kerzen und Blumen, Fahnen und handgeschriebenen Zetteln säumt den Schatten an der Place de la Bourse. Der „Marsch gegen die Angst“ findet ungeachtet der polizeilichen Anweisungen statt und entwickelt sich von einem friedlichen Kumbaya-Singen zu einer Konfrontation ­zwischen Rechtsradikalen, selbsternannten „Hooligans“, die mit der Parole „Faschismus gegen Terrorismus“ auftreten auf der einen und den lokalen Politikern auf der anderen Seite. Das Spektakel der Faschos verdrängt erfolgreich die Gefahr eines IS-Angriffs auf die provisorische Gedenkstätte, bis sie unter ­johlendem Beifall der Menge mit Wasserwerfern vom Platz gespült werden. 

Es tauchen Berichte auf, der Polizeichef sei total besoffen bei einer Sitzung der Sicherheitskräfte erschienen. Mehrere weitere Beamte treten nach den Anschlägen zurück. Mir kommt es vor, als wäre der Umgang der Europäer mit dem ­Terrorismus doch etwas zu lax. Angeblich sollen sie Abdeslam gerade mal eine Stunde zu den Pariser Anschlägen verhört haben. In den USA hätten sie ihn in ein stockdunkles Verlies gesteckt mit einem Besenstiel im Arsch und fünf Verhörspe­zialisten von der CIA, die auf seinen zitternden Körper ejakulieren, dazu der dröhnende Sound von Death Metal und Passagen aus Deleuze & Guattari, und die Filmrechte an ­diesem Szenario sind schon an einen privaten Pornoproduzenten verkauft, der sein Zeug an liberale amerikanische College-Studenten vertickt. 

Nach einem Anflug von Magen-Darm-Infekt habe ich einen Bärenhunger und bestelle Pizza und Bier bei irgendeiner Lieferservice-Plattform im Netz. Zu meinem ­Entsetzen sehe ich beim Abschluss der Bestellung, dass man auch mit Bitcoins zahlen kann. Ist das vielleicht derselbe Lieferservice, den Abdeslam, wie es sich für einen anständigen Millennial gehört, nach den Anschlägen von Paris genutzt hat? Die verdächtige Menge an ­Pizzen, die er sich in seine Wohnung hat kommen lassen, war für die ­Polizei ein entscheidender Hinweis, der zu seiner Festnahme führte. Ich könnte mir vorstellen, dass die Bezahlung mit einer Kryptowährung eine nette Option ist, wenn man ein terrorfinanziertes Spesenkonto hat. Den Rest des Abends verbringen wir damit, uns über Mode zu unterhalten, während ich mir den Großteil meiner Peperoni-Torte reinschiebe.

Die Stadt erholte sich von den Anschlägen und gelangte im Schatten einer neuen Normalität wieder zu einem Business-as-usual: verschärfte Kontrollen und Soldaten mit gepanzerten Fahrzeugen und Maschinengewehren in der ganzen Stadt. Als jemand, der in New York nach 9/11 aufgewachsen ist, verschaffte mir diese Prägung einen gewissen Vorteil. Gerade letzte Woche habe ich in Berlin eine Autobombe um eine Stunde verpasst, ­und vor einem Jahr waren es nur ein paar Häuser, die mich in New York von einer tödlichen Gasexplosion trennten. Solange das Leben die Kunst nachahmt und Kunst sich dem vernetzten, neoliberalen Kapita­lismus anverwandelt, werde ich wohl immer wieder näher dran sein, als mir recht ist. 

Übersetzt von Michael Müller

Deanna Havas ist Künstlerin. Sie lebt in New York City. 

Issue 24

First published in Issue 24

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