Charlie Billingham

Supportico Lopez

Charlie Billingham, Schaulust, 2015, Ausstellungsansicht

Mit all den Hintern, Wänsten und Beinen, die bislang das Werk von Charlie Billingham prägten, scheint in seiner ersten Einzelausstellung bei Supportico Lopez etwas passiert zu sein. Wurden die Betrachter bislang dazu aufgefordert, die zünftigen Bäuche und drallen Hinterteile in Billinghams Grotesken zu begaffen, scheinen diese Bilder nun selbst zurück zu starren. Billinghams erkennbar von Karikaturisten wie Thomas Rowlandson oder James Gillray inspirierte Figuren wirken mit ihren Kniebundhosen, Monokeln und gepuderten Perücken, als kämen sie direkt aus dem 18. oder frühen 19. Jahrhundert. In dieser Epoche waren die florierenden Theater und Opernhäuser Orte, um sehen und gesehen zu werden; Orte, an denen man die neueste Mode zur Schau stellte und Klatsch verbreitete. Kurz: der ideale Ort für Schaulust, wie die Ausstellung betitelt ist.

In jedem der vier großformatigen Gemälde an der hinteren Wand der Galerie blickt eine Gruppe von Männern in dieselbe Richtung. Bei Enlightenment (alle Arbeiten 2015) und Curtains Up finden sich die Männer in der unteren rechten Ecke des Bildes versammelt. Bei Scopophilia und The Show Must Go On hingegen sind sie an einer Seite aufgereiht, als wäre die Leinwand horizontal bemalt und dann gegen den Uhrzeigersinn gedreht worden. Die Figuren starren auf nichts als eine Weite aus reiner Farbe. Aus den bewusst klischeebehafteten Titeln (z. B. The Show Must Go On) aber geht deutlich hervor, dass es sich um Zuschauer in der Oper oder im Theater handelt.

In Billinghams bisherigen Arbeiten stand die erotische Komponente des Betrachtens von Bildern im Vordergrund, bei dieser neuen Serie bleibt es dem Betrachter überlassen, aus den Mienen der Figuren einen emotionalen Gehalt herauszulesen: Sind sie lüstern, schauen sie gebannt oder sind sie nur nüchtern interessiert? Umgeben sind die Gemälde an den Galeriewänden von plattgedrückten, in leuchtendem Acryl lackierten Formen aus Modelliermasse, die an Blashörner erinnern. Wie es zu dieser Eruption von Musikinstrumenten gekommen ist, wird an der angrenzenden Wand angedeutet: Dort sind sechs kleinere Gemälde mit jeweils einem Mann in eng beschnittenem Profil horizontal angeordnet, vier von ihnen überlappen sich mit einem gewebten Bildteppich. Eines der Hörner ist so posi­tioniert, dass es aussieht, als werde es von einer der Figuren gespielt. So entsteht der Eindruck, dass all die hornartigen Reliefs an der Wand Resultat dieser Aktion sind. Die Hörner verleihen dem ganzen Raum eine beinahe orgiastische Energie. Dagegen wirkt die Überlagerung mit dem Teppich doch etwas gewollt. Schon mehrfach hat Billingham Installationen geschaffen, in denen er – sehr wirkungsvoll – direkt auf die Wand hinter seinen Gemälden gedruckt oder gesprayt hatte. Hier aber trägt der Teppich weder zum Verständnis der Gemälde noch zu dem der gesamten Installation bei.

An anderer Stelle gelingt eine solche Kombination unterschiedlicher Medien weitaus besser: Bei In Bloom wird das Porträt eines eleganten Herrn teilweise von einer Delfter Vase mit frischen Lilien verdeckt, die auf einer Marmorkonsole steht, welche
wiederum mit einem Horn an der Wand befestigt ist. Und bei Post Horn handelt es sich um einen bemalten Wandschirm, der die Wandnische in den Ausstellungs­räumen von Supportico Lopez verdeckt. Wer durch den Spalt zwischen Wand und Schirm lugt, kann Partien des großen Gemäldes Deep and Learned erkennen.

Die einzige Darstellung von Frauen in dieser Ausstellung findet sich bei Touche Éclat, einem weiteren, fast gänzlich verborgenen Werk auf halber Treppe zum Büro der Galerie. Darauf: zwei hässliche Damen, die verschwörerisch hinter ihren Weingläsern tuscheln. Wie aus einer privaten Theaterloge scheinen sie von diesem erhöhten Standort aus auf die Männer unten im Galerieraum herabzublicken. Zu behaupten, Billingham verkehre hier den traditionell männlichen Blick der Kunstgeschichte, wäre dennoch etwas zu simpel. Immerhin: Schaulust dekliniert unsere Teilhabe an den Mechanismen des Voyeurismus durch und fordert dazu auf, sich deren Geschichte noch einmal anzuschauen – nicht aus der privilegierten Position der Theaterloge, sondern als Teil des gemeinen Volkes.
Übersetzt von Michael Müller

Chloe Stead is a writer and critic based in Berlin.

Ausgabe 21

First published in Ausgabe 21

August 2015

Latest Magazines

frieze magazine

October 2019

frieze magazine

November - December 2019

frieze magazine

January - February 2020