Pamela Rosenkranz

Wasserflaschen, Pillen und Rettungsdecken

Pamela Rosenkranz, Stay True, aus der Serie  „Firm Being“, 2009

Im Mittelpunkt der Arbeiten von Pamela Rosenkranz gibt es eine bewusste Leerstelle, eine spezielle – nicht nur körperliche, sondern auch geistige – Abwesenheit, durch die sich ein jeweils konkreter subjektiver Körper und Geist in ihren Werken paradoxerweise umso deutlicher abzeichnet. Die Praxis der Künstlerin gründet sich auf derartige Paradoxa. Ihre konzeptuell geprägten abstrakten Skulpturen, Papierarbeiten, Videos und Installationen verweisen fast immer auf das Figurative oder konfrontieren Betrachter mit diesem: mit seiner Spur, seinem Verlust, seinen Bedürfnissen, seiner Kommerzialisierung oder seiner Abschaffung. Betrachten wir zum Beispiel „More Core“ (Mehr Kern, 2010), eine Serie von Fotogrammen winziger, bunter Tabletten (Körper und Geist manipulierende Schmerzmittel und Antidepressiva oder Mittel, die die Leistungsfähigkeit steigern): Vor dunklem Hintergrund leuchten die Pillen grellfarben wie die Augen eines Alien, das aus dem Nichts auftaucht.
Oder nehmen wir die Serie „Firm Being“ (Starkes Sein, seit 2009), die aus Plastikwasserflaschen verschiedener Marken besteht. Gefüllt mit hautfarben pigmentiertem Silikon, karikieren sie meisterhaft die Werbeslogans von Mineralwasserunternehmen wie etwa den von FIJI: „“Untouched by man. Until you drink it.“” (Von Menschen unberührt. Bis Sie es trinken.)

Das expliziteste Beispiel für ihren paradoxen Umgang mit dem Figurativen ist wohl das von Rosenkranz wiederholt verwendete abstrakte Motiv des Körperabdrucks auf deckengroßem Untergrund aus Folie, Spandex oder freistehendem Plexiglas. Die Technik geht auf Yves Kleins “„Anthropométries“” (Anthropometrien, 1960-62) zurück, bei denen Klein nackte, weibliche Modelle mit Farbe bemalte und sich dann öffentlich auf Leinwand wälzen ließ; Rosenkranz abstrahiert ihre Körperabdrucke jedoch und lässt sie so stehen. Ihre „“Figur““ ist nicht nackt, ihr gelbbrauner Abdruck eher eine Andeutung als eine Figur, und die subjektive Gewalt dieser kunstgeschichtlichen Geste ist nicht nur mechanisch, sondern auch offenkundig ironisch. Rosenkranz verwandte dieses Motiv erstmals in „“Our Sun““ (Unsere Sonne), einer Einzelausstellung im Istituto Svizzero di Roma 2009 in Venedig. In den zwei Serien, die hier zu sehen waren, benutzte sie Rettungsdecken, die auf der einen Seite zum Wärmeschutz silbermetallic und auf der anderen zum Kälteschutz goldglänzend beschichtet waren, als Untergrund für gerahmte Bilder bzw. als Material für Bodenskulpturen. Neben diesen fantastischen grellen Werken waren über den Boden verteilte Wasserflaschen zu sehen sowie eine Videoprojektion, die eine große Wand in tiefe himmelblaue und grüne Töne tauchte, aus denen sich ein aus dem All aufgenommenes Bild der Erde entwickelte. Eine vertikale Achse teilte die Erde in zwei Teile und erzeugte so symmetrische Spiegelbilder, die an einen sich ständig wandelnden Rorschach-Test erinnerten – ein eigenartiger Blick auf die regenerativen Fähigkeiten unseres Planeten. Die Ausstellung war ein distanziert-skeptischer Kommentar zur sagenumwobenen „Wasser und Licht“-Ästhetik von Venedig, und auch wenn die eleganten Werke funkelten und leuchteten, so blieb die Schau subversiv nüchtern.

Pamela Rosenkranz, „Our Sun“, 2009, Ausstellungsansicht

In den Katalog zu dieser Ausstellung nahm Rosenkranz einen Text des iranischen Philosophen Reza Negarestani auf, dessen spekulative Fiktionen und radikale Vorstellungen von “„heliozentrischer Sklaverei““ und „“Wasserkapitalismus“” ihr Bild von Venedigs komplexer Gegenwart und ihre Ausstellung beeinflusst hatten. Denkrichtungen zeitgenössischer Philosophie wie der Eliminative Materialismus und der Spekulative Realismus üben eine starke Anziehung auf Rosenkranz aus; beide verbindet ein Interesse an einem “„menschenindifferenten““ Universum und daran, die “„objektiven““ Möglichkeiten einer Nicht-Identität jenseits einer mit Bewusstsein und Glaubenssystemen überfrachteten menschlichen Existenz auszuloten. Ende 2010 nahm die Künstlerin an „“The Real Thing““ (Das wahre Ding) teil, einer Veranstaltung in der Tate Britain, die sich dem Einfluss des Spekulativen Realismus auf das aktuelle Kunstschaffen widmete. In der Ausstellung waren mehrere von Rosenkranz‘’ Arbeiten aus Venedig in einem der Tate-Galerieräume mit figurativen Werken “„Neuer Skulptur“” des 19. Jahrhunderts zu sehen. Neben den bronzefarbenen, symbolistischen Figuren gaben die Wasserflaschen und Rettungsdecken-Skulpturen der Künstlerin -– die wie Katastrophenopfer über dem Boden verteilt waren -– zusammen mit dem Film der Erde als Rorschach-Klecks eine verstohlene apokalyptische Warnung aus.

Auch wenn in Rosenkranz‘’ Arbeiten eine Abkehr von Gefühlen und eine Hinwendung zur Wissenschaft zu verspüren ist, so sind diese dennoch auf kunstvolle Weise äußerst gefühl- und humorvoll. Ihr scharfer Blick auf das Meer des Konsums, auf dem wir derzeit treiben (an Rettungsbooten hängend, die mit Nike-Swooshes, Apple-Insignien und zierlichen Wasserflaschen-Gletschern verziert sind), manifestiert sich häufig in Form von Materialien aus den Bereichen Gesundheit und Fitness. Eine Serie von Acryl-Körperabdrücken aus dem Jahr 2010, die auf einfarbigem Spandex an die Wand gehängt sind, macht von diesem synthetischen „“sportiven““ Stoff auf geistreiche Weise Gebrauch. Der Titel der Serie „“Anima Sana in Corpore Sano“” (seit 2007) bezieht sich hier auf die Marke Asics und verweist damit auf deren namengebendes lateinisches Motto, dem zufolge „“ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“” steckt. Die Serie umfasst verschiedene Wandarbeiten, auf denen drei mit Stretch-Jogginghosen überzogenene Bälle zu sehen sind, hell leuchtende fluoreszierende Insignien. Sie wirken dabei wie Sport-Versionen von Eva Hesses herabhängenden netzartigen Bällen und bekommen so eine merkwürdige Schlagkraft: eine eher unwahrscheinliche Lösung der Dialektik zwischen Körper und Geist.

Pamela Rosenkranz, „Untouched by Men“, 2009, Ausstellungsansicht

Rosenkranz –- geboren 1979 in der Schweiz und ansässig in Zürich und Amsterdam, wo sie sich mit einem Residenzstipendium an der Rijksakademie aufhält –- scheint ein ausgeprägtes Interesse daran zu haben, über jene identitätszentrierten Themen hinauszugehen, welche die Bildende Kunst oft einschnüren. Stattdessen wendet sie sich stärker nicht auf den Menschen zentrierten und ökologischen Fragen zu. Zugleich loten ihre Arbeiten jedoch jene stark von Mythen durchzogenen Themen aus, die das menschliche Sein definieren: die Elemente, die Politik der Reinheit, die Trennung zwischen Körper und Geist, das Konsumdenken. Und auch wenn der Titel ihrer jüngsten Einzelausstellung im Braunschweiger Kunstverein „“Untouched by Man““ lautete, so war dies weniger als Ausruf des Jubels oder der Hoffnung zu verstehen als vielmehr im Sinne einer komplexen Kritik, die sich auf einen weiteren Slogan bezog: „“Kurz gesagt hat FIJI-Wasser keinen Kontakt mit der schädlichen Luft des 21. Jahrhunderts oder irgendeinem menschlichen Wesen, bis Sie den Verschluss aufschrauben.““ Es ist eine seltsam großspurige Behauptung angesichts des umweltverschmutzenden und keineswegs unschädlichen Verhaltens der FIJI-Kunden -– doch dieses Paradox ist es wohl gerade, was Rosenkranz daran interessierte.
Übersetzt von Claudia Kotte

Quinn Latimer ist Contributing Editor von frieze d/e und frieze sowie Chefredakteurin der Publikationen der documenta 14 (2017). Sie ist Autorin der Bücher Sarah Lucas: Describe This Distance (2013) und Rumored Animals (2012).

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