In Profile: Julia Stoschek

Sie eröffnen Anfang Juni eine Berlin-Dependance – wie lange haben sie den Gedanken an die Hauptstadt mit sich herumgetragen?

Julia Stoschek; photograph: Şirin Şimşek

Julia Stoschek; photograph: Şirin Şimşek

Die Berlin-Frage hat sich immer gestellt. Vor zehn Jahren habe ich mein Haus in Düsseldorf eröffnet – und das bis heute nicht bereut. Wir haben 15.000 Besucher pro Jahr. Die Stadt ist ein hervorragender Kunststandort mit einem kunstaffinen Bürgertum und einer vitalen Kunstszene. Im Rheinland leben und arbeiten viele wichtige Künstler – zusammen mit der Akademie und den Institutionen ist das wirklich ein lebendiger Kunststandort. Deshalb bleibt Düsseldorf auch weiterhin unser Stammhaus.

Kito Nedo  Warum also Berlin?

Julia Stoschek  Diese Frage ist leicht zu beantworten: An Berlin kommt man nicht mehr vorbei. Ziel ist und war es bei allen unseren Vorhaben, die Sammlung einem größtmöglichen Publikum zugänglich zu machen. Berlin ist schon längst nicht nur die Bundeshauptstadt, sondern auch Kunsthauptstadt. Es ist darüber hinaus schon länger mein zweites Zuhause, auch durch mein Engagement in den KW Institute for Contemporary Art Berlin.

KN  Ihre Sammlung wurde bereits in Hamburg, Tel Aviv oder Karlsruhe im Kontext von Institutionen gezeigt. Warum kam eine solche Form für Berlin nicht in Frage?

JS  In Deutschland und Europa gibt es gar nicht so viele Institutionen, die Privatsammlungen zeigen. Als ich 2010 von den Deichtorhallen Hamburg eingeladen wurde, dort Teile meiner Privatsammlung erstmals außerhalb von Düsseldorf zu zeigen, war das ein unglaublich großes Glück. Im Grunde werden solche Ausstellungen fast ausschließlich von Kunsthallen organisiert – also Häusern ohne eigene Sammlung. Aus Berlin kam bislang einfach kein Angebot für solch eine Ausstellung. Daher mache ich das jetzt selbst!

 

Facade of the Julia Stoschek Collection, Berlin. Courtesy: Julia Stoschek Collection

Facade of the Julia Stoschek Collection, Berlin. Courtesy: Julia Stoschek Collection

KN  Der Titel ihrer Berlin-Premiere lautet „Welt am Draht“ und bezieht sich auf den einzigen Science Fiction-Film, den Rainer Werner Fassbinder Anfang der Siebziger drehte. Warum?

JS  Wir benutzen diesen Titel sinnbildlich, weil ein Großteil der Arbeiten einen immersiven Charakter aufweisen und Fassbinder in dieser Gesellschaftsstudie viele Themen in den 1970ern vorweggenommen hat. Diese thematische Ausstellung dreht sich – ganz grob – um das Zeitalter der Digitalisierung und dessen Einflüsse auf unsere gesellschaftliche Realität, aber auch auf die Natur oder auf unsere Identität. Insofern fand ich diesen Titel passend.

KN  Sie werden Arbeiten von Ed Atkins, Loretta Fahrenholz, Camille Henrot, Jon Rafman, Timur Si-Qin, Hito Steyerl, Britta Thie oder Wu Tsang präsentieren und eröffnen zeitgleich mit der Berlin-Biennale – welchen Effekt erhoffen Sie sich durch diese zeitliche und inhaltliche Positionierung?

JS   Es gibt Überschneidungen, das ist ganz klar. Als ich erfahren habe, dass DIS als Kuratorenteam die diesjährige Biennale organisiert, war mir klar, dass viele Künstler, die auch bei uns in der Sammlung sind, dort gezeigt werden. Da ich im KW-Vorstand bin, hatte ich auch schon relativ früh Einblick in die Planung und DIS umgekehrt auch in unsere. Viele Künstler werden anwesend sein – das finde ich großartig. Dadurch entsteht eine schöner Synergieffekt. Ich hoffe, es wird auch für die Besucher reizvoll, neben der Berlin-Biennale sich auch unsere Ausstellung anzusehen. Während die Biennale mit einem hybriden und interdisziplinären Konzept arbeitet, installieren wir eine klassische Ausstellung. Wir empfinden das nicht als Konkurrenz, sondern als spannende Ergänzung zur Berlin Biennale.

KN  Bleibt ihr Berlin-Engagement auf die Dauer eines Sommers begrenzt?

JS  Das hängt davon ab, wie die Ausstellung angenommen wird und wie es sich anfühlt auch in Berlin präsent zu sein. Das ist das Glück einer Privatsammlung, dass man selbst entscheiden kann: Wo möchte ich sein? Wie soll das aussehen? Doch der Plan ist langfristig in Ergänzung zum Stammhaus in Düsseldorf einen ständigen Ausstellungsraum in Berlin zu betreiben. Wie auch immer: Ich freue mich sehr auf Berlin.

Timur Si-Qin, SELECTION DISPLAY: ANCESTRAL PRAYER, 2011, display banners and Tibetan prayer flags, 150 x 50 cm. Courtesy: the artist and Sociéte, Berlin

Timur Si-Qin, Selection Display: Ancestral Prayer, 2011, display banners and Tibetan prayer flags, 150 x 50 cm. Courtesy: the artist and Sociéte, Berlin

KN  Vor zwei Jahren sagten sie in einem Interview: „Einmal noch neu bauen, ein Museum nach meinen Wünschen und Vorstellungen, das wäre schon toll.“ Haben Sie daraufhin eigentlich Angebote erhalten?

JS  Nein, es hat sich niemand gemeldet. Doch ich muss sagen: Der Wunsch nach einem Neubau ist wirklich groß. Mich würde es sehr reizen, einen Neubau zu realisieren, der den spezifischen Ansprüchen dieser hochtechnologischen Kunst genügt, die ich jetzt ausstelle und vermehrt sammle.

KN  Nun zeigen Sie Ihre Kunst im ehemaligen Tschechischen Kulturzentrum an der Leipziger Straße.

JS  Das ist kein Neubau, sondern ein klassischer DDR-Plattenbau aus den späten Sechziger Jahren. Das Gebäude hat seinen ganz eigenen Charme. In den Räumen ist bereits Kunst gezeigt worden und sie wurden sogar als Club genutzt – aber es sind eben keine klassischen Ausstellungsräume. Für mich war es im Vorfeld wichtig kein historisches oder post-industrielles Gebäude zu bespielen. Das war meine Vorgabe: kein Bunker, kein Umspannwerk, kein Wasserturm und keine alte Fabrikhalle. Dieser Rückgriff auf das Historische ist meiner Meinung nach einfach passé und hier ein Stück weit inflationär geworden. Unser Haus in Düsseldorf ist ein ehemaliges Fabrikgebäude und hundert Jahre alt. Das ist fantastisch, aber ein zweites Haus dieser Art brauche ich nicht.

KN  Angenommen, Sie hätten die größtmögliche Freiheit: Wie sähe es denn aus – das Kunstmuseum, das Sie sich erträumen?

JS  Das klassische Museum gestaltet sich als horizontal organisierte Wandelhalle, in der man von Arbeit zu Arbeit flaniert. Die Werke hängen immer am gleichen Ort. Medienkunst impliziert die Unmöglichkeit des wiederholbaren Augenblicks. Eine Videoarbeit verändert sich fortlaufend. Ich glaube, die Medienkunst, das Bewegtbild, muss daher anders gedacht werden. Diese Idee habe ich noch nie mit einem Architekten erörtert, desweiteren frage ich mich, wie es eigentlich wäre, Dreidimensionalität auch im Ausstellungskontext umzusetzen. Vielleicht mithilfe eines Towers? Das bedeutet nicht in der Ebene zu denken, nicht horizontal, sondern vertikal. Wie macht man so eine Dimensionserweiterung erfahrbar?

Ed Atkins, Even Pricks, 2013, HD video still. Courtesy: the artist and Cabinet, London

Ed Atkins, Even Pricks, 2013, HD video still. Courtesy: the artist and Cabinet, London

KN  Was müsste so eine Architektur noch leisten?

JS  Die Frage der Fassade – auch da müsste man völlig neu denken. Um im Inneren Projektionsflächen zu gewinnen, braucht es Verdunklung. Vielleicht könnte aber auf der anderen Seite eine Fassade selbst auch wieder als Projektionsfläche fungieren?

KN  Sie gelten als Perfektionistin, die sich um jedes Detail einer Ausstellung kümmert. Stimmt das?

JS  Perfektionistin? Stimmt. Medienkunst muss installiert werden. Ohne eine Installation ist Medienkunst nicht erfahrbar. Es braucht immer ein technisches Mittel. Dadurch ergibt sich für uns auch der Anspruch, dass eine Arbeit so präsentiert ist, wie es von der Künstlerin oder dem Künstler vorgesehen ist. Denn aus der Technik resultieren auch Inhaltlichkeit und Ästhetik. Die Installation des Werkes muss exakt sein, die Technik, die Dimensionen des Raumes und das Soundsystem müssen aufeinander abgestimmt sein. Mein Anspruch ist das optimal umzusetzen. Wir wollen ein Haus für glückliche Künstler sein.

Die Julia Stoschek Collection Berlin eröffnet am 2. Juni in der Leipziger Straße 60 mit „Welt am Draht“, einer Ausstellung mit 38 Arbeiten von 20 internationalen Künstlern aus der Sammlung. Die Ausstellung läuft bis 18. September 2016. 

Kito Nedo arbeitet als freier Journalist für verschiedene Magazine und Tageszeitungen. Er lebt in Berlin.

Julia Stoschek (geboren 1975) ist eine deutsche Kunstsammlerin mit Fokus auf zeitbasierter Medienkunst. Stoschek begann 2003 Kunst zu sammeln. Ihre Sammlung umfasst 700 werke digitaler und zeitbasierter Medienkunst seit den 1960er Jahren, darunter Video, Multimedia-Environments, internetbasierte Installationen und Performances. 2007 eröffnete die Julia Stoschek Collection in einem ehemaligen Industriegebäude in Düsseldorf-Oberkassel. Seit der Eröffnung waren dort regelmäßig sammlungsbasierte Ausstellungen zu sehen, darunter Einzelausstellungen von Cyprien Gaillard, Bruce Nauman, Elizabeth Price und Wu Tsang. Stoschek ist Mitglied des Beirats der Kunst-Werke Institute for Contemporary Art.  

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