Role Play

Maren Ades Film Toni Erdmann war der Kritikerliebling der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes. Jetzt läuft er in den deutschen Kinos an

Wenn Winfried nicht Winfried sein will, wenn sein Handlungsspielraum mal wieder zu eng ist, die soziale Situation zu krampfig, zu festgefahren, zu trist, zu öde, greift er in die Brusttasche und holt sein schiefes Gammelgebiss heraus. Dieser fast schon reflexhafte Griff ist fester Bestandteil seines gestischen Repertoires. Ein Aus-der-Rolle-fallen nicht als Disziplinverlust, sondern als ein gleichzeitiges Hineinfallen: in eine andere Rolle, eine andere Identität. Eine, die die ritualisierten Abläufe und kommunikativen Codes kurzfristig stört. In seinem Alter Ego Toni Erdmann komplementiert sich Winfrieds gleichermaßen eskapistisches wie angriffslustiges Manöver zu einer grotesken Figur – zum Scherzgebiss kommen eine grottige Perücke und ein schlecht sitzender Anzug hinzu.

Maren Ade, Toni Erdmann, 2016, film still. Courtesy: © Komplizen Film

Maren Ade, Toni Erdmann, 2016, film still. Courtesy: © Komplizen Film

Das Rein- und Rausnehmen der falschen Zähne ist in Maren Ades Film Toni Erdmann (2016) ebenso wie das An- und Auskleiden ein wiederkehrendes Motiv, genauer: ein Performance- oder Übergangsritual. Denn mehr noch, konzentrierter, unerbittlicher als in Ades vergangenen Arbeiten Der Wald vor lauter Bäumen (2003) und Alle anderen (2009) geht es in Toni Erdmann um das „Schauspiel“ der sozialen Interaktion. Nach der Beziehungsstudie Alle anderen steht wieder ein Paar im Zentrum. Dieses Mal sind es Vater und Tochter. Und auch sie haben „Beziehungsprobleme“.

Winfried Conradi (Peter Simonischek) ist pensionierter, allein lebender Musiklehrer im baden-württembergischen Remchingen, ein Alt-68er mit kleinbürgerlicher Schlagseite und einem ausgeprägten Hang zu Scherzen. Seine Tochter Ines (Sandra Hüller) ist als Unternehmensberaterin für eine deutsche Firma in Rumänien tätig. Sie arbeitet viel, auch an sich. Nach dem Abschluss eines großen Outsourcing-Projekts will sie weiter, nach Shanghai. Zwischen dem einsamen Vater und der einsamen Tochter klemmt es schon länger. Winfrieds Überrumpelungsbesuch in Bukarest ist eine einzige Kommunikationsverfehlung und treibt die beiden noch weiter auseinander. Nach einem Eklat reist er wieder ab – nur um in der Rolle von Toni Erdmann zurückzukehren. Und infiltriert als Businesscoach, Trainingspartner von Tennismanager Ion Tiriac sowie selbsternannter „german ambassador“ ihr Berufsleben.

Maren Ade, Toni Erdmann, 2016, film still. Courtesy: © Komplizen Film

Maren Ade, Toni Erdmann, 2016, film still. Courtesy: © Komplizen Film

Alle Handlungen in Toni Erdmann sortieren sich um den Begriff der „Performance“. In der Businesswelt ist die Performance elementarer Bestandteil der Rhetorik – wie auch die „challenge“ und manch andere neoliberale Leerformel. „Ich konnte mir den Raum gut nehmen“, fasst Ines einmal in der Nachbesprechung einer Verhandlung mit ihrem Coach zusammen. Zuvor sah man sie zu Hause, wie sie ihren Text einübte und dabei den typischen Weichmacherjargon in ihr rigides Outsourcing-Konzept einbaute: „I totally agree with you, of course ...“. Winfried, der gleich in der Eröffnungsszene einen ahnungslosen Paketboten mit seiner Doppelexistenz Toni Erdmann irritiert, muss sich den Begriff „Performance“ dagegen erst einmal erklären lassen. Während also Ines’ Performance Macht, Souveränität, Kontrolle und Selbstdisziplin demonstriert, verkörpert Toni Erdmann das genaue Gegenteil: Entgleisung und Dysfunktion, Plumpheit, Übergriffigkeit, schlechtes Spiel – Ade ließ sich für die Figur übrigens von Tony Clifton inspirieren, einem der Charaktere des großartigen Komikers Andy Kaufman.

Toni Erdmann erzählt unter anderem davon wie diese beiden ganz und gar unverträglichen Rollenregister erst kollidieren und sich dann nach und nach annähern: Ines inkorporiert die transgressiven Anteile von Toni in ihre Businesspersona, entledigt sich mehr und mehr ihrer Fassade, während Toni in der Welt des globalisierten Geschäfts immer mehr zum Mitspieler wird. Damit treibt Ade ihre Erforschung (sozialer) Rollen auf ein komplett neues Terrain – eines, das im Unterschied zum alltäglichen, nicht-strategischen „Rollentheater“ explizit als Spielfeld konturiert ist (man könnte es aber auch Kampfplatz nennen): Toni Erdmanns Borderline-Performance erschüttert die bestehenden gesellschaftlichen Vereinbarungen und Figurenkonstellationen, bringt sie in Bewegung. So unmöglich, trashig, „fake“ und schwer zu entziffern diese Figur auch ist: Sie ist absolut wahrhaftig. So direkt, so radikal könnte Winfried nie sein.

Maren Ade, Toni Erdmann, 2016, film still. Courtesy: © Komplizen Film

Maren Ade, Toni Erdmann, 2016, film still. Courtesy: © Komplizen Film

Wie alle Arbeiten der Berliner Filmemacherin ist auch Toni Erdmann hyperspezifisch und universell. Ade blickt sehr genau auf das, was die Figuren umgibt: generationelle Konflikte, globaler Unternehmenskapitalismus, Geschlechterverhältnisse und Sexismus (z. B. wenn Ines selbstverständlich mit der Bitte adressiert wird, die russische Ehefrau eines CDO auf ihrer Shopping-Tour zu begleiten ­– und damit ins Damenprogramm „outgesourct“ wird). Nur werden diese Themen nie aus der Autorinnenposition an den Zuschauer „herangesprochen“, sondern konsequent aus den Figuren heraus entwickelt. Der Effekt dieser Methode ist eine offene, komplett unberechenbare Dramaturgie. Ade erzählt nicht geradeaus. So sind in jede Szene unzählige kleinere und größere Bewegungen und Gegenbewegungen eingelassen, die den Kurs der Figuren mal in die eine, mal in die andere Richtung steuern – und Winfried und Ines in so komische wie schmerzhafte Situationen hineintreiben.

Bei der Premiere auf dem Filmfestival in Cannes im Frühjahr dieses Jahr euphorisierte Toni Erdmann die internationale Filmkritik. Das deutsche Feuilleton verfiel überwiegend in einen scheußlichen Provinzialismus, indem es den Reichtum des Films im dumpfesten „Fußball-Sommermärchen“-Tonfall auf seine nationalkinematografische Bedeutung herunterquatschte: als die Rückkehr deutscher Komödientugenden (oder wem das nicht genug war: als die Rettung des deutschen Kinos). Wie deprimierend, beklemmend, klaustrophobisch, abgründig oder auch witzig man Toni Erdmann nun findet, ist vielleicht mehr als bei anderen Filmen von den persönlichen Befindlichkeiten und Idiosynkratien der Betrachterin/des Betrachters abhängig – man ist (mit) den Figuren ausgeliefert. In jedem Fall geht bei Ade der Humor aus Verzweiflung und Depression hervor, er hat nichts Luftiges, drückt eher hinunter als abzuheben. Die entlastenden Effekte des „Comic relief“ werden zurückgehalten.

Maren Ade, Toni Erdmann, 2016, film still. Courtesy: © Komplizen Film

Maren Ade, Toni Erdmann, 2016, film still. Courtesy: © Komplizen Film

Ades fast schon unheimliche Genauigkeit im Ausformulieren von Beziehungen, die noch die kleinste Handlung, die scheinbar nebensächlichste Regung – ein flüchtiger Blick, das kaum merkliche Zittern eines Mundwinkels – im Drama der sozialen Interaktion erfasst, macht Toni Erdmann tatsächlich nur schwer klassifizierbar. Wenn es in Ades Filmen überhaupt etwas Zuverlässiges gibt, dann ist es wohl Ambivalenz: Statt wie viele andere Filmemacherinnen an der Verfeinerung ihrer visuellen Signatur zu arbeiten, investiert Ade ihre Energie ganz in die Präzisierung ambivalenter Gefühlslagen. In einer Szene findet sich Ines als Sekretärin „Miss Whitney Schnuck“ ungewollt auf einer Familienfeier wieder, wo sie von ihrem Vater zu einem gemeinsamen Duett von Whitney Houstons Greatest Love of All (1985) genötigt wird. Ines versucht zunächst mit übertrieben ausladenden Gesten eine parodistische Distanz zum Auftritt einzunehmen. Doch die falschen, absichtsvoll schlecht gespielten Gesten werden schnell von authentischen Gefühlen überrannt. Das Mischverhältnis von Traurigkeit, Wut, Sehnsucht, Verzweiflung, Einsamkeit, Scham und Aggression ist nicht aufzulösen. Es bleibt viel Unverdauliches zurück in Toni Erdmann.

Toni Erdmann ist ab dem 14. Juli 2016 in den deutschen Kinos zu sehen.

Esther Buss arbeitet als freie Film- und Kunstkritikerin in Berlin.

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