X is Y

Sandy Brown Berlin

X is Y, 2015, Ausstellungsansicht

Die Gruppenausstellung X is Y wurde kurz vor der Berlin Feminist Film Week und dem Internationalen Frauentag eröffnet und präsentiert Berliner Künstlerinnen (beim ein­zigen Mann in der Ausstellung handelt es sich um eine Hälfte des Künstlerduos Aurora Sander). Auf eine Art passt sie zu einem breiteren Trend hin zu Ausstellungen und Veröffentlichungen nur von Frauen. Der Titel der Ausstellung ist dem gleichnamigen Kurzfilm des US-amerikanischen Filme­machers Richard Kern aus dem Jahr 1990 entlehnt. Wie die Pressemitteilung betont, unterhält Kerns Werk ein kompliziertes Verhältnis zum Feminismus: „In Kerns X is Y schlagen barbusige Mädels wild um sich, schmusen mit phallischen Sturmgewehren und räkeln sich im Zeichen einer ‚radikalen Feminität‘ unter verschleiertem Blick auf Nadelstreifen-Sofas“. Immerhin spielen in Kerns Filmen meist Frauen die Hauptrollen. Doch genügt das schon, um von einer feministischen Form der Darstellung sprechen zu können? Müsste eine wahre Protagonistin ihre Darstellung nicht „selbst formen“?

Keine der ausgestellten Künstlerinnen bezieht sich direkt auf Kerns Filme. Anna Uddenberg aber wirft mit ihrer Skulptur immerhin sehr ähnliche Fragen nach weiblicher Handlungsmacht auf. In Jealous Jasmine (2014), einem lebensgroßen Gipsabguss einer Frau, scheint es, als hielte Uddenberg fest, wie diese Figur in einen Kinderwagen abtaucht. Zur enganliegenden Daunenjacke trägt sie Ugg Boots. Ihr Gesicht ist unter langen blonden Haaren verborgen. Und so bleibt es unklar, ob die „eifersüchtige Jasmine“ neidisch auf das Baby einer anderen ist, oder – Kardashian-style – auf die Aufmerksamkeit, die ihr eigenes bekommt.
Auf ihrem Rücken tront ein gemeinhin als „Arschgeweih“ bezeichnetes Tattoo – jenes in den 90er Jahren populäre keltische Motiv, das für eine Reihe von Künstlern aus der Post-Internet-Generation zu einer Art Emblem geworden ist. Hier steht es für das pro­blematische Verhältnis unserer Gesellschaft zur weiblichen Sexualität: Auch wenn man überall Frauenkörper zu sehen bekommt, wird eine Frau, sobald sie selbst über ihren Körper bestimmt, als Schlampe abgestempelt.

Etwas subtiler wird Sexualität in Juliette Bonneviots Beitrag thematisiert. Ihr Gemälde besteht nicht nur aus PVC und Pulverpigment, sondern auch aus den che­mischen Bestandteilen von Xenoöstrogen. Xenoöstrogene – von vielen Wissenschaftlern für eine ernstzunehmende Umwelt­gefahr gehalten – ahmen die Wirkung von Östrogen nach. Vorzeitige Pubertät, also ihr verfrühtes Einsetzen, wird ebenso wie andere Fortpflanzungsstörungen mit Xenoöstrogenen in Verbindung gebracht.

Das Thema Putzen – oder eher Putz­geräte – wird in X is Y ebenfalls ironisch beleuchtet. Schon lange verwendet Kirsten Pieroth Printwerbung für ihre Arbeiten. Ihre Skulptur Oracle (2014), eine mit Pulverpigment bekleckerte Waschmaschinen­trommel, sieht aber eher so aus, als hätte sich das bestellte Produkt nach dem Auspacken als defekt herausgestellt. Aircleaninglady (2015) des Künstlerduos Aurora Sander wirft dagegen einen neuen Blick auf Mierle Laderman Ukeles Manifesto for Maintenance Art 1969!. In einem Rahmen befestigte Besenstiele halten eine Glasschachtel, in der ein Paar Plateauschuhe wie in einer schicken Boutique übereinander drapiert sind. Ihre Absätze bestehen aus den groben Borsten einer jener Bürsten, mit denen man für gewöhnlich Böden schrubbt. Die Schuhe spielen auf den Instagram-Trend #heelconcept an, bei dem die User mithilfe einer Reihe von banalen bis bizarren Objekten einen High-Heel-Effekt erzielen. Wie schon von Uddenberg werden auch von Aurora Sander Tropen der Weiblichkeit aufgegriffen, ins Absurde gesteigert und dann wieder an uns zurückgespielt.

Auf dem Weg nach draußen fällt dann noch eine der dezenteren Arbeiten auf: der gerahmte Katalog für Sally’s am Atelierhof Kreuzberg, eine weitere Ausstellung mit Frauen-Fokus, diesmal aus dem Jahr 2009. Seit dem Protest der Guerilla Girls 1984 gegen die Entscheidung des MoMA, in eine Überblicksausstellung über die New Yorker Kunstszene mit insgesamt 169 Künstlern nur 13 Frauen aufzunehmen, wurden Geschlechterquoten in der Kunst nicht mehr so stark diskutiert wie heute. Boom She Boom, die Eröffnungsausstellung im neuen Gebäude des MMK Frankfurt, die ausschließlich Künstlerinnen aus der Sammlung zeigt, ist nur eines von vielen Beispielen dafür, dass auch Museen vom derzeitigen „Klimawandel“ Notiz nehmen.

Die Frage, ob derartige Ausstellungen das Zwei-Geschlechter-Modell nicht eher reproduzieren und zur weiteren Gettoisierung von „Frauenkunst“ beitragen, ist unver­meidlich. Tatsächlich kann die Beteiligung an solchen Frauen-Ausstellungen schnell zum Stigma werden; häufig streichen die Künstlerinnen deshalb die entsprechenden Stationen aus ihren Biografien. X is Y aber ist gerade deswegen so erfrischend, weil die jungen Künstlerinnen, die hier versammelt sind – vielleicht ermutigt durch die Vernetzungs- und Präsentationsmöglichkeiten der sozialen Medien – genderspezifische Ausstellungen nicht als Einschränkung sondern als Chance sehen: die Chance, ihre eigene Version „radikaler Feminität“ zu formen, statt bloß vorgegebene Normen zu akzeptieren.
Übersetzt von Christine Richter-Nilsson

Chloe Stead is a writer and critic based in Berlin.

Ausgabe 19

First published in Ausgabe 19

Mai 2015

Latest Magazines

frieze magazine

October 2019

frieze magazine

November - December 2019

frieze magazine

January - February 2020