Home Alone

Was die Digitalisierung mit unserem Zuhause und unserer Idee des Zusammenlebens macht

Die Smart-TVs von Samsung enthalten im Kleingedruckten der Gebrauchsanweisung einen Warnhinweis: Wenn man die Stimm­erkennung aktiviert, dann werden gesprochene Worte „aufgenommen und an Dritte weitergeleitet“. Es ist also ratsam, vor dem Fernsehgerät keine persönlichen oder heiklen Angelegenheiten zu besprechen. Selbst bei nicht aktiver Stimmerkennung sammelt Samsung immer noch die Metadaten – was man sich wann ansieht, und auch die Gesichtserkennung bleibt aktiv. Nur die interaktiven Features sind dann nicht verwendbar. Die Smartseries-Zahnbürste von Oral B, einem Unternehmen von Procter & Gamble, verbindet sich über ­Bluetooth mit einer Zahnputz-App auf dem Smartphone, die detailliert die persönliche Zahnhygiene protokolliert. Die Firma wirbt mit diesem Feature, denn man kann die Daten seinem Zahnarzt übermitteln. Auf einem privatisierten Gesundheitsmarkt ist es allerdings wahrscheinlicher, dass sich die Versicherungen für diese Daten interessieren.

Je allgegenwärtiger Technologie wird, desto weniger macht sie sich bemerkbar. Umgekehrt macht ihre Unsichtbarkeit allerdings uns, die Nutzer, transparent. Die ­kul­turelle Logik des Informationszeitalters beruht auf einer Inversion des Blicks. Bei der Fusion von Überwachung und Kontrolle ist der Screen, wie Jonathan Crary bemerkte, „zugleich das Objekt der Aufmerksamkeit wie [das Objekt], das in der Lage ist, Aufmerksamkeitsverhalten zu überwachen, aufzuzeichnen und abzugleichen“1. Die NSA, ­Kreditkartenfirmen, Versicherungsanbieter oder auch die Algorithmen, die bei Google oder Instagram die Datenflut ordnen: Bei all dem handelt es sich um Datenverarbeitung, die Dinge vorhersagt, künftige Geschehnisse umreißt, alles auf Grundlage früheren Ver­haltens. Mit diesem Muster impliziert Datenverarbeitung, wie Orit Halpern in ihrem Buch Beautiful Data (2015) feststellte, ein Modell von Zeitlichkeit, in dem die Vergangenheit als eine stehende Informationsreserve dient, die ihrer Ausbeutung harrt. Diese Informa­tionen dienen dann zur Erstellung von Nutzerprofilen, von denen es wiederum abhängt, ob Studierende ein Darlehen bekommen, wie die Police bei einer Krankenversicherung aussieht, ­welche Chancen auf einen Kredit man bei der Bank hat, oder ob man auf einer „No fly“-Liste landet. Das mag harmlos erscheinen, aber die Human Rights Data Analysis Group schätzt (wie Hito Steyerl in ihrem 2016 auf e-flux erschienenen Text The Sea of Data erwähnt), dass ungefähr 99.000 Pakistaner von dem Skynet-Programm der NSA fälschlich als Terroristen eingestuft wurden. Die potenzielle politische Nutz­barkeit dieser Technologien liegt darin, dass jedes Regime Dissidenten schon im Voraus und auf ­Verdacht markieren und sie mit informellen Strafen wie Arbeitsplatzwechsel oder Kreditverweigerungen belegen kann.

Steve Maximo, Food Court (feat. Konstantin Grcic), 2013. 

Steve Maximo, Food Court (feat. Konstantin Grcic), 2013

Nach den Enthüllungen von Edward Snowden ist uns zunehmend bewusst geworden, dass unsere Kommunikationsgeräte zugleich Kontrollmechanismen bedienen, dass sortierende Algorithmen unsere Erfahrungen kuratieren – und das nicht nur, wenn wir online sind. Diese Verknüpfung von Kommunikation und Kontrolle wird sich durch das Internet der Dinge noch verstärken. Wenn unser Zuhause erst einmal mit einer Reihe von smarten Gerätschaften ausgestattet ist, schrieb Evgeny Morozow in einem Kommentar für die Financial Times2, dann wird die tägliche Kommunikation mit datenspeichernden Technologien buchstäblich unvermeidbar. Der Kühlschrank wird dann den Bedarf an Milch an den Zustell­­service des Supermarkts melden, der längst mit Drohnen arbeitet. Die Katze wird mit einem Mikrochip ausgestattet und kann auf diese Weise ohne fremde Hilfe in die Wohnung. Ein intelligenter Dosenöffner wird mittels Erkennungssoftware auf ein „Miau“ reagieren und ihr das Futter bereitstellen. Das Leben wird auf diese Weise viel ein­facher. Aber man wird eben auch von biometrischen Analysen und Mustererkennungen eingehüllt, die Nutzer vollständig erfassen und ihnen Profile zuweisen, sodass man finanzielle Wetten auf die nähere und fernere Zukunft eingehen kann.

Der Künstler Julien Prévieux engagierte für seinen Film Patterns of Life (2015) Tänzer des Pariser Opernballetts, um sie vorführen zu lassen, wie Daten aus Körpern in Bewegung extrahiert werden können. Es entstehen ­„Aktivitätsmuster“, die man anschließend dafür verwenden kann, die Zielobjekte zu krimina­lisieren oder zu marginalisieren. Der Film war Teil einer großen Gruppenausstellung, die kürzlich im Haus der Kulturen der Welt zu sehen war: „Nervous Systems. Quantified Life and the Social Question“, co-kuratiert von ­Stephanie Hankey und Marek Tuszynski vom Tactical Technology Collective, sowie Anselm Franke. Tactical Tech (zu dem neben Hankey und Tuszynski auch noch Maya Indira Ganesh gehört) stellten ein Kundendienstzentrum nach, dem sie den Namen The White Room gaben. Sie statteten es mit automatischen ­Guides aus, die eine Tour durch die neuesten Entwicklungen auf den Gebieten Apps und tragbare Technologien gaben: Fitness-Tracker, subkutane Verhütungsmittel, biometrische Ausweise. Auch Innovationen mit potenziell nachteiligen Folgen kamen zur Sprache: Zusatzzahlungen zu Versicherungsprämien, Fruchtbarkeitskontrolle von Mitarbeitern durch Firmen, finanzielle Erfassung selbst ­mittelloser Menschen. Der White Room präsentierte auch improvisierte Lösungen, mittels derer sich diese Zwecke verkehren lassen: ein Wanddübel, der es ermöglicht, die Informationen, die auf drahtlosen Geräten aufgezeichnet werden, zu redigieren; oder ein Metronom, mit dem man den Fitness-Tracker täuschen kann. Das wirkt erst einmal verspielt, die Prämisse der Ausstellung aber weist in eine deutliche Richtung: Unsere Sozialverhältnisse vertragen sich nicht mit dem gegenwärtigen Zusammenwachsen von Finanzialisierung und digitaler Technologie.

OK-RM and Matthieu Lavanchy, Home Economics 11, 2016, 21 x 30 cm, commissioned artwork for 'Home Economics', British Pavilion, 2016 Venice Biennale. Courtesy: the artists, the British Council, and the British Pavilion, 15th Venice Architecture Biennale

OK-RM and Matthieu Lavanchy, Home Economics 11, 2016, 21 x 30 cm, commissioned artwork for 'Home Economics', British Pavilion, 2016 Venice Biennale. Courtesy: the artists, the British Council, and the British Pavilion, 15th Venice Architecture Biennale

Das Architekturkollektiv åyr, das diesen Sommer Teil der Ausstellung „Home Economics“ im britischen Pavillon bei der 15. Internationalen Architekturbiennale in Venedig ist, bringt ähnliche Bedenken über die Veränderungen in der Häuslichkeit im Zuge der Bewirtschaftung intimer Räume vor. In einem kürzlich erschienenen Artikel für das Harvard Design Magazine3 beschreiben sie, wie das Familienheim und die Kernfamilie einander historisch bedingt haben und wie die Kommerzialisierung des Häuserbaus das Familienleben insofern ebenso beeinflusst, als damit eine Umwälzung von Gouvernementalität einhergeht. Das smarte Heim – und im weiteren Sinn die smarte Stadt – haben das Potenzial, zu einer Schnittstelle für die Mediatisierung und (in der Folge der finanzwirt­schaftlichen Vollerfassung) restlos aller Aspekte des Lebens zu werden. Für die letzte Architekturbiennale 2014 gestalteten åyr (die sich ­vormals „AIRBNB Pavilion“ nannten, ihren Namen aber aus juristischen Gründen ändern mussten) eine Ausstellung in Räumen, die sie über Airbnb gemietet hatten. Bei einem späteren Projekt für die Frieze Art Fair statteten sie die Messe mit einer Reihe von Schlafzimmern in IKEA-Ästhetik aus. Und für die Berlin Biennale 2016 planen åyr eine ­Installation, die mit der Ästhetik der „feature wall“ spielt. Einhegung und Intimität fallen dabei zusammen und persönliche (selbst intime) Gegenstände werden dabei zu finanziell ­definierten Faktoren.

In der biopolitischen Organisation der Moderne funktionierte das Zuhause als Pufferzone vor der Gewalt der industriellen Reglementierung. Aber diese abgeschlossene Häuslichkeit führte auch zu Isolierung. Bürgerliches Verhalten wurde dadurch verallgemeinert, während die Solidaritätsnetzwerke der Arbeiterklasse und deren kollektive Handlungsmacht im Gegenzug beschnitten ­wurden. In Living and Working: How to Live Together untersucht die Agentur für städtisches Design Dogma (mit ihren Co-Gründern Pier Vittorio Aureli und Martino Tattara) alternative Modelle gemeinschaftlichen Lebens wie etwa Klöster, die Phalanx von Charles Fourier oder frühe sowjetische ­Experimente. Sie zielen dabei auf eine Neu-Konzeption von „Familie“. Da die affektive Arbeit von der postfordistischen Wirtschaft gekapert wurde, arbeiten Dogma auf eine Vorstellung von architektonischem Genossenschaftsgut hin, welches durch neue ­Formen der Gemeinschaftlichkeit und des Facility-­Sharing der endlosen Debatte um privaten ­versus öffentlichen Raum entgeht – und so Identitäten für die Wirtschaft ­weniger leicht formbar macht.

åyr, Interior Illusions Lounge (Gian Enzo Sperone), 2015. Courtesy: the artists and Project Native Informant, London. 

åyr, Interior Illusions Lounge (Gian Enzo Sperone), 2015. Courtesy: the artists and Project Native Informant, London

An „Home Economics“ (kuratiert ­übrigens von Shumi Bose, Jack Self und Finn Williams) ist auch Dogma beteiligt. Ziel ist, das soziale Mandat von Architektur wieder zurückzugewinnen. Das Konzept Zuhause soll von den Imperativen des Immobilienwerts entkoppelt werden. Um den Mangel an bezahlbarem Wohnraum zu beheben, so schlagen die Kuratoren vor, müssten neue Lebensformen entwickelt werden. Diese sollten finanzieller Spekulation idealerweise keine Angriffsfläche bieten. Die Kuratoren lassen Le Corbusiers berühmtes Statement anklingen, dass „die Frage des Bauens am Grund der sozialen Unruhen unserer Tage liegt“. Die Lösung müsste entweder „Architektur oder Revolution“ lauten. In einer voll durchfinanzialisierten Wirtschaft dürfte die Lösung der Immobilienkrise allein mit den Mitteln der Architektur allerdings schwer zu bewerkstelligen sein.

Die heutige Medienökologie lässt nicht nur sämtliche plausible Erwartungen auf ­Privatheit ins Leere laufen. Sie höhlt auch traditionelle Formen von Eigentümerschaft aus. Die meisten Millennials haben auf dem Wohnungsmarkt keine Chance, nicht weil es zu wenig Wohnraum gäbe, sondern weil die Ökonomie darauf hinausläuft, dass Bestand in immer weniger Händen liegt und zugleich immer mehr Miete abgepresst wird. General Motors und John Deere ­beispielsweise haben argumentiert, dass unter der geltenden Copyright-Gesetz­gebung das Eigentum an einem Fahrzeug nichts mit dem Eigentum von Computersoftware zu tun hat, die zu dessen Nutzung erforderlich ist. Der Besitzer hat also kein Recht darauf, elektronische Ausrüstung selbst zu reparieren. Unter dem doppelten Druck der Finanzialisierung und dessen, was man „sharing economy“ nennt, hat das Kapital auch die Notwendigkeit überwunden, reguläre Gehälter zu zahlen: Die digitale Ökonomie ersetzt förmliche Zuwendungen wie Löhne, Pensionen und soziale Sicherungsnetze durch informelle, wie zum Beispiel die Möglichkeit, die eigene Wohnung, Freizeit oder auch Gerätschaften weiter­zuvermieten. 

Steve Maximo, Cumfort Station 2 (feat. Konstantin Grcic), 2013. 

Steve Maximo, Cumfort Station 2 (feat. Konstantin Grcic), 2013

Das Projekt von Dogma für Venedig beschäftigt sich mit temporären, prekären Formen von Arbeit: Studentenvisa, Praktika, Nullstundenverträge. In dieser Perspektive ist ökonomische Ausbeutung eng mit politischer Unterdrückung verschränkt – und die Frage nach der Privatheit angesichts der Überwachung verblasst neben der Frage der Privatisierung von öffentlichem Eigentum. McKenzie Wark bemerkte in seinem Essay Renotopia (2015, der Titel verbindet Renovierung und Utopia), dass die große sozialistische Utopie, die tatsächlich konkret wurde, in Infrastruktur besteht. Dass private Firmen nun von öffentlich benötigten Diensten ­profitieren, geht nur, wenn es eine Trennung zwischen einer digitalen Plutokratie und den „dummen“ Nutzern gibt. Evgeny Morozov schrieb neulich im Guardian: In den Kämpfen der postkolonialen Emanzipation ging es um Eigentum an Grund und Boden; der entscheidende Kampf unserer Tage wird um die Eigentümerschaft der digitalen Infrastruktur geführt. Es wird ein ungleicher Kampf, wie Seb Franklin in Control (2015) nahelegt: Digitale Techno­logien geben uns nicht nur die Werkzeuge, sondern auch die Metaphern, in denen wir sie beschreiben. Oft sind es Metaphern von Körper­lichkeit. Bill Gates nennt es ein Nervensystem und wir sprechen vom Internet, als wäre es ein sinnliches Wesen, das aus eigenen Stücken ­handelt; unsere materiellen Gegenstände ­werden von Informationsflüssen durchdrungen, von DNA-Codes bis zu finanziellen Algorithmen; wir fantasieren von immersiven Umgebungen, in denen unsere neuralen Aktivitäten direkt mit Netzwerken verbunden sind. Die Künstlerin Melanie Gilligan fiktionalisierte dieses epistemische Material in ihrer Miniserie „The Common Sense“ (2014): Eine orale Prothese namens „The Patch“ erlaubt es Nutzern, die Emotionen anderer Menschen anzuzapfen. Eine junge Schwangere, die mit Schulden zu kämpfen hat, entscheidet sich, die Erfahrungen ihres unge­borenen Kindes zu Geld zu machen. Auf andere Menschen wirken diese Erfahrungen anscheinend beruhigend. So geschmacklos das klingen mag – The Patch ist eine logische Erweiterung unserer gegenwärtigen Modalitäten mediatisierter Erfahrung; es zeigt uns keine Zukunft, sondern unsere Gegenwart unter einem ­Vergrößerungsglas.

Übersetzt von Bert Rebhandl

Ana Teixeira Pinto stammt aus Lissabon und lebt zurzeit in Berlin, wo sie an der Humboldt Universität ihre Dissertation fertigstellt. Sie schreibt regelmäßig unter anderem in den Kunstzeitschriften Art Agenda und Mousse.

1 Jonathan Crary, Suspensions of Perception: Attention, Spectacle, and Modern Culture (Cambridge: MiT Press, 1999), p. 76.

2 Evgeny Morozov, ‘A dystopian welfare state funded by clicks’, in The Financial Times, 3 August 2015.
http://tinyurl.com/j7dsp6y

3 åyr, ‘FAMILI: Proxy Paranoia or Technological
Camaraderie’ in Harvard Design Magazine, no. 41, (‘Family Planning’); http://tinyurl.com/hbhr3ow 

Issue 24

First published in Issue 24

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