Marc Bauer

freymond-guth Ltd. Fine Arts, Zürich, Schweiz

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Marc BauerV. (Desire)Pencil on paper1.3 x 1.2 m

Marc Bauer, «V. (Desire)», pencil on paper sheet, 130 x 116 cm, courtesy: the artist & Freymond-Guth Fine Arts

„Liebe mich, weil und so sehr wie ich  Dich liebe; Ivany, ich bin Dein Ivan“, schrieb der Schweizer Historiker Johannes von Müller an Luis Batthyány Szent-Iványi, in den er sich unsterblich verliebt hatte. Die beiden führten in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts einen Briefwechsel. Doch Szent-Iványi war nicht echt, war nur eine Chiffre, die sich ein ehemaliger Schüler von Müllers ausgedacht hatte, um seinem  früheren Lehrer eine Falle zu stellen und ihn  ausnehmen zu können, indem er drohte,  dessen homosexuelle Neigungen öffentlich zu machen. Die ausgedehnte Korrespondenz dieser illusionären Liebesgeschichte wurde 2014 von André Weibel in zwei Bänden  publiziert. Es war diese bemerkenswerte Geschichte, die Marc Bauer zu seiner  Ausstellung I EMPEROR ME inspirierte.

Der Bezug ist nicht immer explizit:  Den Titel für die Ausstellung und die in ihr gezeigte Grafikmappe fand Bauer anderswo; er geht auf die Markenbezeichnung für schwarze Gummihandschuhe zurück, die EMPEROR ME108 von Marigold. Drei einzeln gerahmte, je mehr als zwei Meter hohe, dunkle Bleistiftzeichnungen dieser ellbo-genlangen Handschuhe hängen in der Ausstellung nebeneinander an der Wand. Die Hände zeigen nach oben, als würden die Handschuhe von übergroßen Vorderarmen in Form gebracht, die angelegten Finger: ein Verweis auf die Sexualpraktik des  Fisting – EMPEROR ME, Glove I-III, R.P. (alle Werke 2015). Gegenüber an den verbleibenden Wänden hängen fünf weitere, kleinere Zeichnungen, darauf ein Chap  aus dem Reitbedarf, verschiedene Details von Hemden und ein opulenter, gewal- tiger Blumenstrauß. 

Die Arbeiten der Grafikmappe Portfolio EMPEROR ME (mit dem Untertitel 5 digital prints graced with drawing, water­colour and ribbons) sind dagegen in zwei Vitrinen arrangiert. Einer der Drucke gibt einige Zeilen aus von Müllers Briefen wieder, daneben ein weiteres florales Bild, ein Torso mit Halspartie, eine Lederweste und das Detail eines hellen Hemds unter einer weiteren Lederjacke. Auf die Blätter der Mappen­grafiken und auf alle außer einer der klei­neren Zeichnungen an der Wand waren Bänder geheftet: Gold Yellow, Pale Lemon and Orange (relic collar) C.J. zeigt beispielsweise den Kragen eines lockeren Hemds mit zusammengebauschtem Rückenteil. Es scheint in der Luft zu schweben, wobei diese Luftigkeit in Kontrast steht zu den drei  kurzen Bändern, die am unteren Blattrand angebracht sind und deren Farben mit den aufgezählten Farbwerten korrespondieren. Bauers Bleistiftzeichnungen bewegen sich motivisch in einer thematisch vorgegebenen Spanne von der Napoleonischen Zeit bis  zur Gegenwart und konzentrieren sich auf Fragmente oder Einzelelemente von Gegenständen. Isoliert von ihren jeweiligen Kontexten kommt diesen Dingen eine besondere Bedeutsamkeit zu. Der dunkle Bleistift betont die üppigen, haptischen Qualitäten; Bauers Technik ist nicht von fotorealisti-scher Perfektion, es geht eher um eine persönliche Erinnerung an diese Dinge, eine individuelle Sicht und private Anklänge. Was in dieser Kombination ebenso gut komplett zufällig sein könnte, wird von der persönlichen Logik Bauers zusammengehalten. 

Bauer verjüngt die Gattung des Stilllebens mit neuen Chiffren und Formen der Anspielung. Er ermöglich dem Betrachter, eigene Schnittmengen und Gemeinsam- keiten zu finden. Schaut man nur genau genug hin, wimmelt es von solchen Verbindungen: Auch wenn von Müller seinen „Luis“ nie hatte treffen können, wurde er von seinen Gefühlen für den Briefpartner überwältigt; hätte die Öffentlichkeit von dieser außergewöhnlichen, nie real vollzoge- nen Liebesaffäre erfahren, wäre sein Ruf beschädigt und er ruiniert gewesen. So kann man Bauers säuberlich aufgepinnte Bänder als Verweise lesen – Farben oder denkbare Accessoires für, sagen wir: Kostüme oder Tarnung; ebenso gut aber könnte man es mit Andenken zu tun haben oder zusammengetragenen Dingen für ein Archiv. Liest man sie im Kontext betörender Leidenschaft, so wirkt das Papier der Drucke wie perforiert; intime, vernarbte Wunden. Der Körper auf einem der Blätter der Mappe könnte  eine anatomische Zeichnung sein, doch ist die Brustwarze von intensiver Dunkelheit, als wäre sie auf die blasse Haut aufgebrannt. „I EMPEROR ME“ klingt wie eine gewen-dete, positiv angenommene Bezichtigung. Man könnte von Müller als bedauernswerte Gestalt sehen, aber auch das kehrt Bauer  um und feiert ihn als einen Liebhaber, der keine Angst hat vor seinen eigenen – ausgelebten oder illusionären – Überzeugungen. 

Übersetzt von Michael Müller

Aoife Rosenmeyer ist Kunstkritikerin und Kuratorin. Sie lebt in Zürich.

Issue 23

First published in Issue 23

Spring 2016

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