Peter Wächtler

Reiz der Melancholie

Das Kino im alten Mühlenviertel, 2012, Installationsansicht, Lars Friedrich, Berlin (Courtesy für alle Bilder: der Künstler, dépendance, Brussels & Lars Friedrich, Berlin)

Gegen Ende seines Films Untitled (2013) bricht Peter Wächtler die hochgradig repetitive, lakonisch in nasalem Englisch mit deutschem Akzent vorgetragene Rezitation seiner Prosaverse abrupt ab. Mit klagender Stimme intoniert er stattdessen Bruce Springsteens The River (1981). Für Wächtlers Filme – vielleicht sollte man besser sagen: illustrierte Prosagedichte –, die gerne den selbstmitleidigen Jammerton trüber Gestalten in der Eckkneipe anstimmen, ist ein solcher Schuss Absurdität durchaus typisch.

Untitled, 2013, film still

Wächtler arbeitet mit ganz unterschiedlichen Medien – Film, Text, Keramik, Kohle- und Federzeichnungen, Klanginstallationen. Sein bevorzugter Stoff aber sind stets die eigenen Pathologien: als deutscher Künstler, der jetzt in Brüssel lebt, der das Kunststudium hasste, der eine Dokumenta­tion über seinen Onkel – ein frustrierter Musiker und Buden­besitzer in einer ostdeutschen Kleinstadt – gedreht hat; und der eine Kurzgeschichte geschrieben hat (The Set, 2011) über seine Statisten-Erfahrungen in Valkyrie (2008), jenem in Berlin und Umland gedrehten Weltkriegsfilm mit Tom Cruise.

In seinem eigenen Film Untitled, den Wächtler in New York bei Ludlow 38 zeigte, trägt Wächtler ein Prosagedicht vor, dessen einfache Struktur auf dem wiederkehrenden Mantra „How I …“ aufgebaut ist. Wie in Untitled (Heat Up the Nickle) (2013), der aktuell auf der 12. Biennale von Lyon zu sehen ist, liefert auch in Untitled jede Strophe eine neue Erinnerung, Anekdote oder ein frei erfundenes Szenario: „How I woke up, after a night out, and felt deeply embarrassed, after a long booze with a bad actor, who told me that he had almost worked with Brad […] How I cheated on you for the first time.“ Dazu sieht man in einer kurzen Animationsschleife eine mit Weste bekleidete Ratte, die sich in ihr Bett in einem Kellerloch schleicht, sich wieder herausschleppt und eine Bowling­kugel auf einen Tisch hievt, nur damit sie ihr jedes Mal, wenn sie zurückkommt, wieder auf den Kopf fällt. Das Ganze ist derart klischeehaft tragikomisch, dass man sich nicht sicher ist, worum es hier eigentlich geht. Aber Wächtler ist es ernst mit seiner Albernheit. Auch wenn er ein Gespür für die tröstlichen und komischen Seiten echter Emotion hat, weiß er doch auch um den Wert harter Abstraktion. Die Animation bietet zugleich Trost und Schutz, sie bietet die Sicherheit von Kindheitserinnerungen und den Raum für distanziertes Mitgefühl gleichermaßen. Wächtler setzt auf den Reiz des Melancholischen, aber mit einem Gespür für die durchschlagende Wirkung des Absurden, wie man es von David Lynch kennt. Hier würzt jemand selbstkritische und nihilistische Schwermut mit einem Schuss ironischer Ausgelassenheit.

Untitled (Heat Up the Nickle), 2013, film still

Untitled (Heat Up the Nickle) (2013), einen weiteren Film Wächtlers, könnte man mit Vincent van Goghs Gemälde Sorgenvoller Alter (An der Schwelle zur Ewigkeit) (1890) vergleichen. In beiden Fällen sieht man eine ähnliche Szene voller Einsamkeit und Verzweiflung: ein alter Mann am Feuer, den Kopf in die Hände gestützt. „Voll der Sorge“ wäre auch eine gute Beschreibung für diesen Film. Doch das Suhlen in der Schwermut bleibt bei Wächtler nicht statisch, es bewegt sich wie ein Daumenkino – auch Untitled ist nur soweit animiert wie nötig, um die Betrachter bei der Stange zu halten – durch ein geschicktes Spiel mit einem simplen Intro: „it works …“ Gegen Ende des Films erhebt sich der alte Mann, heult auf wie ein Wolf, kniet sich wieder nieder und steckt den Kopf ins offene Feuer.

Diese Filme, eher reich an Worten denn an Bildern, weisen den Weg zur eigentlichen Konstante in Wächtlers Werk: dem Schreiben. Seine auf Englisch verfasste Prosa ist einfach und schlicht, sorglos gespickt mit den Fehlern einer deutsch geprägten Syntax. Scheinbare Berichte wie die unbetitelte Geschichte, die er diesen Sommer im Artist Space in New York vor­getragen hat, sind zweifelsohne aufgepeppt und könnten gut und gerne komplett erfunden sein. Wächtler erzählt von einem unangenehmen Abendessen mit einer Exfreundin und deren neuem Freund Ragnar Pluto, einem langhaarigen, musku­lösen Typ mit riesigem Pferdepenis. Der Bericht ist schlicht ein wenig zu tief und emotional ausgeschmückt, die geschilderten Szenen einfach ein Stückchen zu lustig, um tatsächlich wahr zu sein. Und doch trägt Wächtlers bewusst kunstlose, halb fiktive Art des Schreibens stets die Spuren der Mittelmäßigkeit und der spontanen Komik, wie sie nur echten Erlebnissen eigen sind.

Für seine Einzelausstellung Das Kino im alten Mühlenviertel bei Lars Friedrich in Berlin stellte Wächtler 2012 drei flaschengrüne Keramikblöcke aus, die jeweils einen Lautsprecher enthielten. Daraus tönten nacheinander die Geräusche eines anlegenden Schiffes, eines kaputten Tintenstrahldruckers, das Spiritual Go Down Moses (um 1862) sowie eine Karaoke-Version des Songs With or Without You (1987) von U2. Auf den Keramiken waren holzschnitt­‑artige Illustrationen zu sehen: volkstümliche, mittelalterlich anmutende, aber nichts­destotrotz beunruhigend moderne Szenen; Waldarbeiter, die auf einer Straße ein selt­sames Ding zersägen, halb gefällter Baum, halb Kamin; oder eine Kneipenszene mit zwei, aus welchen Gründen auch immer aneinandergefesselten Figuren auf dem Boden. Man meint, den romantischen Topos vom heimatlosen Wanderer zu erkennen, in einer mittelalterlichen Szene mit Wirtshaus und Straße – vielleicht eine Illustration aus der _Totentanz_-Serie von Hans Holbein d.J. (1523–26)? So verlockend derartige Assoziationen sein mögen, so irreführend sind sie aber auch. Ebenso wie sich die Realität in Wächtlers fiktionalen Texten und Filmen eher versteckt, endet seine brutale Ehrlichkeit just im Moment der vollstän­digen Offenbarung.
Übersetzt von Michael Müller

Paul Teasdale is editor of frieze.com. He is based in London.

Ausgabe 12

First published in Ausgabe 12

Dezember 2013 - Februar 2014

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