Zwischen den Orten

Über No Home Movie, den letzten Film von Chantal Akerman, auf der Viennale 2015

Chantal Akerman, No Home Movie, 2015, video still

Chantal Akerman, No Home Movie, 2015, video still

Eine Negation als Ansage. Auf den ersten Blick mutet der Titel von Chantal Akermans Film wie eine störrische Geste an. Denn tatsächlich wurde No Home Movie über einen Zeitraum mehrerer Monate fast ausschließlich in der Brüsseler Wohnung ihrer Mutter Natalia (Nelly) Akerman gedreht – und zwar mit dem stilistischen Vokabular, das man dem privaten „Genre“ des Home Movie im Allgemeinen zuschreibt. Die digitalen Bilder sind matschig, die Farben mal zu fahl, mal zu grell. Auf Lichtverhältnisse wurde ebenso wenig geachtet wie auf eine ausgewogene Bildkomposition. Akerman stellt die Kamera auf Möbelstücken ab und lässt sie einfach laufen, während die Mutter in der Wohnung herumhantiert, am Tisch sitzt, isst, liest oder im Sessel einschläft. Das Ergebnis sind meist statische, fast passive Einstellungen aus der leichten Untersicht, eher unachtsam und „unschön“ kadriert. Wie schon in früheren Arbeiten rahmt Akerman die Bilder bevorzugt durch Türschwellen, Fensterrahmen, Vorhänge und halb offene Türen. Nur gelegentlich nimmt sie die Kamera selbst in die Hand und läuft suchend, aber doch irgendwie ziellos durch die Wohnung, richtet den Blick auf ein ungemachtes Bett oder lässt ihn aus dem Fenster schweifen. Dabei ist der Anblick von Straße und Garten scheinbar ebenso unspektakulär und nichtig wie das Gespräch zwischen Mutter und Tochter über Physiotherapietermine, Spaziergänge und ausgegangenen Senf.

Dies ist kein Home Movie, weil es kein Zuhause geben kann, nicht mit dieser Familienvergangenheit, nicht mit dem Trauma der Shoah – diese Erkenntnis schwingt in jedem Moment mit. Akermans Film vermittelt kein Gefühl der Sicherheit, der Verwurzelung, des Angekommen-Seins. No Home Movie ist ein zutiefst unkomfortabler Film. Unkomfortabel in seiner bewussten Indiskretion, seiner Mischung aus Unruhe und Unnachgiebigkeit, in seinem drängenden Wunsch, von der alten, kranken, immer weniger werdenden, sich langsam aus der Welt zurückziehenden Mutter eine ganz bestimmte Geschichte zu hören: was nämlich genau geschah mit der jüdischen Familie unter dem Naziterror.

Chantal Akerman, No Home Movie, 2015, video still

Chantal Akerman, No Home Movie, 2015, video still

Natalia Akerman, die 2014 verstarb, hat Auschwitz überlebt, der Rest der Familie wurde nahezu vollständig in den Konzentrationslagern ausgelöscht. Über Auschwitz gesprochen hat die Mutter nie, wie die Regisseurin in Interviews mehrfach erzählte. Zweifellos hat dieses Schweigen Akerman und ihr filmisches Schaffen stark geprägt. Schon in Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles (1975) konnte man hinter der Wortlosigkeit der Hauptfigur und der Mechanik ihrer Alltagsverrichtungen unschwer ein Verdrängungsszenario ausmachen. Und in der Beschränktheit des Raums, seinem klaustrophobischen Klima, verdoppelte sich gleichsam die Isolation der Protagonistin. Von dieser Stimmung ist auch No Home Movie grundiert – auch wenn zwischen Mutter und Tochter eine große Intimität und Zärtlichkeit spürbar ist und ein Verständnis, das weitgehend ohne sprachliche Kommunikation auskommt.

No Home Movie dokumentiert die Liebe zwischen diesen beiden Frauen, die Krankheit der Mutter und ihr Verschwinden – und natürlich lässt sich der Film nach der erschütternden Nachricht von Chantal Akermans Tod am 5. Oktober diesen Jahres gar nicht mehr ohne diesen anderen Verlust lesen. Aus dem Film über die Mutter ist so etwas wie ein letztes Zeugnis geworden. Und in den „Abschiedsbildern“ der leeren Wohnung am Ende des Films scheint nun plötzlich eine zweite Bedeutungsschicht auf.

Nur wenige Male verlässt der Film die Wohnung, etwa für Skype-Gespräche, die Akerman von verschiedenen Orten aus – New York, Oklahoma – mit der Mutter führt. „Warum filmst du mich?“ wundert sich die Mutter einmal, als Akerman beim Gespräch die Kamera auf den Bildschirm richtet. „Weil ich zeigen will, dass es in der Welt keine Distanz gibt“. Die Reaktion der Mutter schwankt zwischen Unverständnis und Bewunderung: „Du immer mit Deinen Ideen!“ In einem extremen Close-Up auf das Auge der Mutter löst sich das Bild in pure Abstraktion auf, ein Spiel aus Farben und Formen – fast eine kleine Erholung von der Konkretion der Wirklichkeitserzählung. Die eigentlichen, weil aus dem Innenraum ausbrechenden Zäsuren des Films, sind jedoch die schroffen, zunächst etwas enigmatisch anmutenden Bilder einer unspezifischen Wüstenlandschaft. Akerman hat sie während einer Israelreise gedreht – ein Verweis, möglicherweise, auf einen potentiell alternativen Ausgang der Familiengeschichte: der Großvater plante, nach Palästina auszuwandern, entschied sich dann aber dagegen.

Chantal Akerman, No Home Movie, 2015, video still

Chantal Akerman, No Home Movie, 2015, video still

No Home Movie ist von den ersten bis letzten Bildern von einem Spannungsverhältnis getragen: zwischen Nähe und Abstand, Intimität und dem Versuch von Objektivität, zwischen der eigenen, sehr persönlichen Geschichte und der „großen“ Historie. Ausgewogen und eben ist dieses Verhältnis eigentlich nie – nicht von ungefähr betitelte Akerman ihre Retrospektive im Museum of Contemporary Art in Antwerpen im Jahr 2002 mit Too Far, Too Close. Diese Verhältnislosigkeit kann auch eine (mithin produktive) Zumutung sein – etwa wenn die Mutter, dem Kamerablick ausgeliefert, minutenlang hustet oder beide Töchter (die jüngere Schwester ist zu Besuch) sie am erneuten Einschlafen zu hindern versuchen. Ganz besonders aber dann, wenn Akerman das Gespräch sehr forciert in Richtung Shoah lenkt und die Mutter sich diesen Versuchen konsequent entzieht. Schließlich muss die mexikanische Haushaltshilfe als Platzhalterin fungieren. In der merkwürdigsten Szene des Films erzählt ihr Akerman von der Vertreibung und Ermordung der Familie. Doch sprachliche und kulturelle Barrieren lassen das Gespräch in eine groteske Leere laufen. „Deswegen ist meine Mutter so“, erklärt Akerman. Die Frau lächelt überfordert, sie versteht nicht recht.

So lässt sich eher vom Ende her die allererste Einstellung des Films begreifen, in der Akerman die Kamera minutenlang auf einen dem Windsturm trotzenden Busch hält. Denn nicht zuletzt erzählt auch der Film von einem Kampf widerständiger Kräfte. Der Blick von der Türschwelle aus ist programmatisch: No Home Movie ist ein rastloses Verharren zwischen zwei Räumen, nicht hier, nicht dort. Ein Film, der unter der Erzähloberfläche einer Alltagsbeobachtung auf die Tiefen der Vergangenheit verweist. Eine Vergangenheit, in die Akerman nun unweigerlich selbst mit eingeschlossen ist.

Chantal Akerman, No Home Movie, Belgien/Frankreich 2015, 115 Minuten

Esther Buss works as a freelance film and art critic in Berlin.

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